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Wir haben kein Griechenland-Problem, wir haben ein Deutschland-Problem!

Interview mit Prof. Dr. Heiner Flassbeck, Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Chefvolkswirt bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf über die aktuelle Grexit-Diskussion und die wahren Ursachen der Eurokrise.

ARTE Thema: Wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion um den Grexit?

Prof. Dr. Heiner Flassbeck: Die Diskussion ist sinnlos, da sie nicht den Kern trifft und destruktiv ist. Es findet derzeit ein Stellvertreter-Kampf statt. Griechenland ist nur eines der EU- Länder, die stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Man muss endlich nach den Ursachen fragen.

 

Was sind denn Ihrer Meinung nach die Ursachen für die Griechenland-Krise?

Die deutsche Wirtschaftspolitik ist eine echte Gefahr für Europa.

Prof. Dr. Heiner Flassbeck

Prof. Dr. Heiner Flassbeck: Wir müssen endlich die Rolle Deutschlands beleuchten. Deutschland hat in den letzten Jahren unter seinen Verhältnissen gelebt und Lohndumping im großen Stil betrieben. Jetzt stehen wir vor einem enormen Wettbewerbsvorteil. Darüber mögen sich die Deutschen freuen, doch dieser Wettbewerbsvorteil ist die eigentliche Ursache der Eurokrise. Die deutsche Wirtschaftspolitik ist eine echte Gefahr für Europa.

 

Worin besteht diese Gefahr genau?

Prof. Dr. Heiner Flassbeck: Die Griechenland-Krise ist nur ein Mosaikstein, die größeren Gefahren stehen bald an: Frankreich und Italien sind die nächsten Kandidaten einer schweren Krise durch mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Frankreich wählt 2017. Wenn sich die wirtschaftliche Lage bis dahin verschlechtert, was wahrscheinlich ist, ist die Gefahr eines krassen Rechtsrucks gegeben. Der Front-National ist - anders als Syriza  - eine antieuropäische Partei. Das gleiche Szenario gilt für Italien 2016 – Grillo und die Liga Nord warten nur darauf, in die Regierung zu kommen. Was dann passiert, ist völlig unkalkulierbar. Aber vorher ist noch Spanien dran – im Dezember 2015 könnte Podemos der große Wahlgewinner sein.

 

Welche Möglichkeiten hat die EZB noch, diesen Krisenstrudel zu verhindern?

Prof. Dr. Heiner Flassbeck: Draghi versucht zu retten, was zu retten ist. Aber man muss Folgendes sagen: Vor einigen Jahren kritisierte er noch das deutsche Lohndumping und sprach von der Deflationsgefahr im Euroraum. Das alles hört man jetzt nicht mehr. Er ist wohl von Deutschland in die Schranken gewiesen worden. Jetzt hat er kaum noch Spielraum – die Zinsen können ja kaum noch weiter fallen.

 

Zum Thema Zinsen – da sind wir bei einem heiklen Thema. Gerade die Deutschen beschweren sich sehr über die niedrigen Zinsen und die Enteignung der Sparer.

Prof. Dr. Heiner Flassbeck: Dabei ist gerade die deutsche Wirtschaftspolitik im Kern für die niedrigen Zinsen verantwortlich! Nur so kann Draghi das wirtschaftliche Ungleichgewicht in der EU, das Deutschland durch das Lohndumping maßgeblich mitverursacht hat, wieder ausgleichen.

 

Was muss also getan werden?

Deutschland muss auch agieren: Wir haben jahrelang unter unseren Verhältnissen gelebt, jetzt müssen die Löhne markant steigen. 

Prof. Dr. Heiner Flassbeck

Prof. Dr. Heiner Flassbeck: Nicht nur Griechenland muss handeln, ganz dringend muss auch die deutsche Regierung handeln. Es ist ja richtig: Griechenland hat über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt muss das Land sparen. Aber Deutschland muss auch agieren: Wir haben jahrelang unter unseren Verhältnissen gelebt, jetzt müssen die Löhne markant steigen. Nur wenn Deutschland die Löhne erhöht, zehn Jahre lang fünf Prozent Lohnsteigerung, sind eine Orientierungsmarke, haben die anderen eine Chance, sich wieder zu erholen. 

 

Aber das wollen die meisten Deutschen wohl nicht.

Prof. Dr. Heiner Flassbeck: Sie müssten es aber wollen, sonst wird es ihnen durch den Zerfall der Eurozone aufgezwungen. Normalisierung der Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnsteigerung bedeutet nicht Rezession. Lohnsteigerung bedeutet, dass endlich die Binnennachfrage steigt. Der Export wird etwas zurückgehen, aber durch steigende Kaufkraft steigt eben auch die Binnennachfrage und damit der Wohlstand. Und noch etwas, was den Deutschen die Angst vor Veränderung nehmen kann: Dann steigen auch wieder die Zinsen!

 

Zuletzt geändert am 18. Juni 2015