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Wie der Brexit Gibraltar erschüttert

Länder: Europäische Union

Tags: Gibraltar, Brexit

Am 23. Juni 2016 stimmten 96% der Einwohner von Gibraltar gegen den Austritt aus der EU. Ein Jahr später sind sie wegen der Folgen der Volksabstimmung besorgt. Nachdem am  23. Juni 2016 der Brexit verkündet wurde, ist das Verhältnis zwischen London und Madrid immer angespannter. Ende April haben die siebenundzwanzig Mitgliedstaaten der EU Spanien ein Vetorecht bei den künftigen Verhandlungen über Gibraltar eingeräumt. Der winzige, strategisch gelegene Felsen, den Spanien vor über dreihundert Jahren an das Vereinigte Königreich abgetreten hat, wird zum Gegenstand eines Armdrückens zwischen zwei Staaten. Diese Lage beunruhigt die Einwohner diesseits und jenseits der Grenze, weil sie befürchten, dass der Brexit die Spannung zwischen ihren Ländern wieder zum Kochen bringen und die Halbinsel ihrer wirtschaftlichen Potenz berauben werde.

Der Fels des Anstoßes

Auf Gibraltar haben 96% der Wähler gegen den Brexit gestimmt. Für sie alle war das Ergebnis ein Schock. Jedoch hat sich seit der Volksabstimmung, im Gegensatz zu  Nordirland oder Schottland, kein Wind der Unabhängigkeitsforderung auf dem Felsen erhoben. Aus einem einfachen Grund: Seitdem die Engländer sie den Spaniern während des Spanischen Erbfolgekrieges entrissen haben, genießt diese britische Enklave bereits eine vorteilhafte Unabhängigkeit von London. Jedoch bestimmt das Utrechter Abkommen von 1713, durch das die britische Herrschaft über das Gebiet besiegelt wurde, dass Gibraltar wieder Spanien zufallen soll, sobald es nicht mehr der englischen Krone gehört. Für viele Spanier stellt der Verlust des Felsens eine alte Wunde dar, die durch den Austritt aus der Europäischen Union wieder aufklafft.

 

Gibraltar, la fin d'un paradis fiscal ?
Das Ende eines Steuerparadieses? Gibraltar ist seit 1973 EU-Mitglied und genießt einen Sonderstatus. Der Brexit könnte diesen infrage stellen. Das Ende eines Steuerparadieses?

Das Bangen der Grenzgänger

Gegenüber vom Felsen bilden sieben spanische Stadtverwaltungen den Campo de Gibraltar. Es ist eine der ärmsten Gegenden Spaniens, geplagt von Drogenhandel und einer Arbeitslosenquote von 35%. Angesichts der Krise haben viele Andalusier Arbeit auf Gibraltar gefunden. Insgesamt gibt es über zwölftausend Menschen, die in Spanien leben und auf Gibraltar arbeiten: Sowohl einheimische Spanier als auch Gibraltarer, die es bevorzugen, jenseits der Grenze zu wohnen, wo die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger sind. Dazu kommen fünftausend europäische Arbeitnehmer, die von der wirtschaftlichen Potenz der Halbinsel angezogen werden. Der Austritt aus der EU könnte ihre Reisefreiheit beeinträchtigen.

 

Gibraltar, l’incertitude des frontaliers
Gibraltar, das Bangen der Grenzgänger Der Brexit kann einen Einfluss auf die 12.000 Menschen haben, die in Spanien leben und in Gibraltar arbeiten. Gibraltar, das Bangen der Grenzgänger

Eine Zerreißprobe für die wirtschaftliche Potenz

Gibraltar ist seit 1973 Mitglied der EU und genießt seitdem einen Sonderstatus: Es ist von der Zollunion ausgeschlossen und nicht zur Erhebung der Mehrwertsteuer verpflichtet. 90% des Handels erfolgt mit dem Vereinigten Königreich. Den Unternehmen bereitet der Austritt aus der EU daher noch wenig Sorge. „Wir sind klein genug, um unser System schnell jeder Art von Veränderung anpassen zu können“, erklärt Edward Macquisten, der Direktor der Handelskammer. Was den Unternehmen Gibraltars allerdings wirklich Sorge bereitet, sind die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Waren und Arbeitnehmern aus Spanien, die sich aus dem Austritt aus der EU ergeben. „Wir waren nicht für den Austritt aus Europa“, gibt Edward Macquisten zu bedenken. „Es wäre ungerecht, wenn wir den Preis dafür zahlen sollten, ohne Rücksichtsmaßnahme von Brüssel , wo doch Gibraltar immer an erster Stelle war, wenn es das europäische Projekt zu verteidigen galt.“

Gibraltar, le rocher de la discorde
Gibraltar, der umstrittene Felsen In Gibraltar haben 96% der Wähler gegen den Brexit gestimmt. Das Resultat war für sie ein Schock. Gibraltar, der umstrittene Felsen

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 22. Juni 2017