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"Wenn traditionelle Medien interessengeleitet sind, wenden sich deren Nutzer den sozialen Medien zu"

Länder: Welt

Tags: Peter Welchering, Interview, fake news

"Social bots", "Hassreden", "Fake News", "Alternative News" - vor lauter neuer Falschmeldung-Phänomene sieht so mancher den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Eines haben sie gemeinsam: Sie wirbeln die Medienlandschaft ordentlich durcheinander, sowohl die sozialen Medien, als auch die traditionelle Presse. Letztere steht immer mehr in der Kritik. Die Arbeit der Journalisten wird in Frage gestellt, allen voran ihre Glaubwürdigkeit. Einer ist ganz vorne mit dabei: US-Präsident Donald Trump. Er wirft den Journalisten vor, zu lügen und Wahrheiten zu verfälschen, ähnlich wie Pegida in Deutschland, die schon seit Monaten mit dem Begriff Lügenpresse um sich wirft. Aber warum sind diese Phänomene plötzlich so mediatisiert? Das haben wir den Journalisten und IT-Experten Peter Welchering gefragt. 

ARTE Info: Was ist der Unterschied zwischen Falschmeldungen, "Fake News" und "Alternative News"?

Peter Welchering: Da gibt es keinen Unterschied. Das sind alles Falschmeldungen. Wenn jemand einen Unterschied konstruieren will, dann stecken politische Motive dahinter. Es gab Versuche, die drei Begriffe voneinander zu unterscheiden, indem beispielsweise gesagt wurde, "Fake News" seien Falschmeldungen, die über soziale Netzwerke verbreitet werden. Aber man kann alle drei unter Falschmeldungen verbuchen und damit haben Journalisten schon seit vielen hundert Jahren zu tun. 

Mit Falschmeldungen haben wir Journalisten schon seit vielen hundert Jahren zu tun.

Peter Welchering

 

ARTE Info: Falschmeldungen werden eher unabsichtlich veröffentlicht, meistens aufgrund mangelnder Recherche oder sogar aus Versehen. "Fake News" werden eher absichtlich platziert. Ist das vielleicht ein Unterschied, den man machen kann?

Peter Welchering: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt auch Falschmeldungen, die ganz bewusst platziert worden sind - innerhalb der letzten 80 oder 90 Jahre gibt es da sehr sehr viel Beispiele - und die bleiben Falschmeldungen, egal ob es nun unabsichtlich war oder ob sie ganz absichtlich in die Welt gesetzt wurden, um "auf der Presse wie auf einem Klavier zu spielen", wie mal der damalige Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, gesagt hat.

 

ARTE Info: Wie ist die Situation bei Klatschmagazinen und im Promibereich, die leben quasi von Falschmeldungen und das schon seit Jahrzehnten. Warum hat man sich da nie die Frage gestellt?

Peter Welchering: Man hat sich die Frage gestellt, die Diskussion geht nur weiter zurück. Es gab da mal den Fall eines Reporters in Hollywood, der Interviews mit Prominenten einfach erfunden hat. Als eines dieser Interviews dann als falsches Interview entlarvt wurde, stellte der Reporter sich hin und sagte: "Ihr habt alle keine Ahnung. Das ist eben moderner Journalismus. Das ist Borderline-Journalismus." Und fortan gab es Seminare zum Thema "Borderline-Journalismus". Der Borderline-Journalismus und Falschmeldungen setzen sich von traditionellen, journalistischen Methoden ab und genau das führt häufig zu einer Verfälschung.

 

Viele Menschen sind von den traditionellen Medien enttäuscht und weichen auf soziale Medien ab.

Peter Welchering

ARTE Info: Mittlerweile scheinen die Menschen den sozialen Medien mehr zu trauen, als der Presse? Woran liegt das?

Peter Welchering: Aktuell kursieren unterschiedliche Studien zu dem Thema. Einige sagen, "Fake News" haben im amerikanischen Wahlkampf wenig bewirkt und das Fernsehen sei eine sehr viel öfter nachgefragte Informationsquelle gewesen. Andere Studien legen das wieder ganz anders aus. Ich habe den Eindruck, dass viele Nutzer von traditionellen Medien von eben diesen enttäuscht sind, weil sie feststellen müssen, dass auch hier interessengeleitet berichtet wird. Nach dieser Erkenntnis weichen sie auf soziale Medien aus, auf andere Informationsquellen im Netz.

 

ARTE Info: Gibt es für "Fake News" bereits einen gesetzlichen Rahmen, denn letztendlich können "Fake News" auch schnell in den Bereich der Verleumdung und der üblen Nachrede fallen?

Peter Welchering: Ja, natürlich, deshalb habe ich mich auch sehr gewundert, als der Bundesjustizminister Heiko Maas meinte, wir müssten endlich entsprechende Gesetze auch für soziale Medien auflegen. Wenn ich von einem sozialen Medium verleumdet werde, kann ich dem entsprechenden Betreiber des sozialen Mediums natürlich auch eine Unterlassungserklärung auf den Tisch legen und ich kann das Unternehmen wegen Verleumdung verklagen.