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Sind unsere Wahlen gekauft? 

Länder: Deutschland, Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Social Bots, Bundestagswahl, Werbung, Big Data

2017 ist ein wichtiges Wahljahr in Europa, am 24. September wählt Deutschland seinen Bundestag. Vor dem Hintergrund der Debatte um Fake-News, Big-Data-Analysen und Social Bots, die der US-amerikanische Wahlkampf losgetreten hat, stellt sich auch bei uns die Frage, inwieweit das alltägliche Sammeln unserer Daten und daraus resultierende personalisierte Wahlwerbung uns in unserem Wahlverhalten beeinflussen können. Eine Analyse in drei Punkten.

1. Social Bots: Eine Armee von Geistern

Was ist ein Social Bot?

Stellen Sie sich vor, Sie tauschen sich auf Facebook mit Ihren Freunden und Kontakten über das Thema Sicherheit aus. Plötzlich schaltet sich ein unbekannter User in Ihre Diskussion ein. Er argumentiert, die einzige Partei, die der Herausforderung gewachsen sei, Deutschland wieder zu einem sicheren Ort zu machen, sei die "Alternative für Deutschland". Und er fügt seinem Beitrag noch einen Link zum AfD-Wahlprogramm hinzu. 

Wohinter man im ersten Moment einen Wahlkampfhelfer vermuten könnte, steckt in Wirklichkeit gar kein Mensch. Es sind vielmehr "Social Bots" - soziale Roboter - Programme, die nur aus wenigen Linien Computercode bestehen. Die meisten von ihnen geben lediglich existierende Meinungen wieder, andere sind aber in der Lage, vollautomatisch sinnvolle Sätze und Texte zu produzieren und sich menschenähnlich an Diskussionen zu beteiligen. Meist mit einem Ziel: Inhaltlich in die Debatte einzugreifen und sie in eine gewisse Richtung zu lenken. 

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Millionen aktive Social Bots könnte es laut Social Bot-Forscher Simon Hegelich weltweit geben. Weitere Experten gehen von 30 bis 35 Millionen Social Bot-Konten auf Facebook (rund 2 Prozent) und 62 bis 80 Millionen der Social Bot-Twitterprofile (zwischen 20-25 Prozent) aus.

 

Was in Deutschland heiß diskutiert wird, wurde im US-amerikanischen Wahlkampf bereits massiv eingesetzt. Ein Forscher-Team um Oxford-Professor Philip N. Howard geht davon aus, dass sowohl Donald Trump als auch Hillary Clinton Social Bots nutzten. Jede dritte Nachricht auf Twitter, die Trump unterstützte, soll von einem Computerprogramm geschrieben worden sein. Bei Clinton soll es immerhin noch jeder fünfte Tweet gewesen sein.  

Und so funktionierte das: Social Bots - getarnt als Twitteruser - teilten gezielt Meinungsbeiträge, die von den Kandidaten @HillaryClinton oder @realDonaldTrump gepostet worden waren. Dadurch, dass unzählige Profile die Tweets der Kandidaten teilten, erschienen die Posts der Kandidaten besonders populär, die Kampagne wurde so künstlich aufgebauscht.  

 

Beispiel eines Social Bots
Ein Beispiel eines Social Bots, der vor allem pro-Trump-Inhalte teilt und so auf Twitter verbreitet. Mehr Beispiele hat Professor Philip N. Howard auf Pinterest zusammengestellt.

 

Wie manipulieren Social Bots?

Social Bots griffen aber auch beliebte Schlagworte, sogenannte "Hashtags", in Bezug auf die Kampagne auf, um Stimmung für oder gegen die Kandidaten zu machen. Mithilfe einer immensen Menge an Tweets, die pro-Clinton Schlagworte wie beispielsweise #HillaryClinton, #ImWithHer, #NeverTrump oder pro-Trump Hashtags wie #AmericaFirst, #VoteTrump und #NeverHillary enthielten, drängten Bots gezielt Themen in die öffentliche Diskussion und ließen den ein oder anderen Kandidaten besonders beliebt oder unbeliebt erscheinen. Auch "Fake News", also Falschmeldungen, wurden so äußerst schnell verbreitet. Kurzum, die Bots dienten der Meinungsmache und der Manipulation der Masse.  

 

2. Social Bots: Niemand weiß mehr über dich

Mit Social Bots kann jedoch nicht nur der öffentliche Diskurs inhaltlich verzerrt werden. Problematischer wird es, wenn die Nachrichten der Social Bots individuell auf die Wähler zugeschnitten werden. Das geschah unter anderem beim Brexit-Votum und im US-Wahlkampf: Präsident Trump und andere Kandidaten setzten hier auf "politisches Direktmarketing", sogenanntes "Microtargeting". Dabei werden die Wähler aufgrund eines online zusammengestellten Profils gezielt mit Wahlwerbung bespielt, die spezifisch auf ihre Wünsche und Hoffnungen abgestimmt ist.

 

Für Android-Nutzer lohnt sich ein Blick in Googles Standortverlauf, der akribisch genau jede Bewegung des Users aufzeichnet, oder aber in die Berechtigungen, die Sie beispielsweise "WhatsApp" bei der Installation zugestanden haben.

Kommt beim "Profiling" beispielsweise heraus, das der Wähler sich unsicher in seinem Land fühlt, erhält er eine Nachricht, in dem die Sicherheitspolitik des Kandidaten erklärt wird. Geht es dem Bürger vor allem um soziale Fragen, stehen diese auch im Vordergrund der Wahlwerbung. Das Wahlprogramm und seine Durchführbarkeit stehen dabei an zweiter Stelle. Was zählt, ist, dem potentiellen Wähler das zu erzählen, was er hören will. Und sich so seine Stimme zu sichern.  

Möglich macht das das "Big-Data", enorme Datenmengen, die von großen Internetriesen wie Google und Facebook, aber auch Marketingfirmen aus dem Surf-Verhalten der Bürger zusammengetragen werden. Es wird geschätzt, dass rund 1.000 solcher Unternehmen weltweit die Internetuser überwachen, ihre Gewohnheiten und Bewegungen genauestens kartografieren. 

 

Sie meinen, Sie seien unbeobachtet im Internet unterwegs? Falsch gedacht! "Datenkraken" verfolgen Sie beim Abrufen jeder einzelnen Webseite und sammeln fleißig Ihre Daten. Telefonnummer, Kontakte, Adresse, Bankdaten, Interessen, Wünsche und politische Ansichten: Nichts bleibt ihnen verborgen. ARTE Info erklärt, wie Ihre Daten Schritt für Schritt zusammengetragen werden und daraus Ihr (Wahl-)Profil entsteht.  

Grafik: Thierry Milotte, Paul Biller, Yves Brua

 

 

Was sind Cookies?

Wie die Cookies erfunden wurden und wie das Geschäft mit ihnen genau funktioniert, können Sie sich bei "Do Not Track" ansehen.

Das Prinzip ist alles andere als neu. Es wird seit Jahren zu Marketingzwecken genutzt und ist beispielsweise dafür verantwortlich, dass sich ein gewisses Produkt, das sich der User Tage vorher auf Amazon angesehen hat, nun auf zahlreichen Werbebannern auf allen möglichen Internetseiten wiederfindet. Dafür verantwortlich sind unter anderem Cookies, kleine Datenpäckchen, die wie eine Identifikationsnummer beim ersten Abrufen einer Webseite auf dem Rechner gespeichert werden. Sie plaudern aus, was der User sich dort ansieht und erkennt ihn wieder, sobald er sich erneut auf der Seite aufhält. Oft gehört nur eine geringe Zahl der Cookies dem eigentlichen Webseitenbetreiber. Die meisten werden von Fremden, sogenannten "Data brokers" eingesetzt, um mit den Daten Geld zu machen.    

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verschiedene Cookies gab es seit 2011 auf Spiegel Online, darunter 19 des Webseitenbetreibers (2,45 Prozent) und 755 von Dritten (97,55 Prozent).

Quelle: Cookiepedia

Diese Datenkraken sind im Hintergrund tausender Webseiten aktiv. Statistiken gehen davon aus, dass Google beispielsweise auf mehr als 80 Prozent der wichtigsten Webseiten vertreten ist.

Die "Data brokers" gehen in ihrer Sammelwut aber noch weiter. Sie bedienen sich der sozialen Netzwerke (den Profilen, Posts, Likes und Gruppen, in denen der User unterwegs ist) und der Informationen, die Gratis-Apps auf Smartphones sammeln (z. B. Standort, Kontaktliste, Profile, Fotos, Videos, Terminkalender, Inhalt des USB-Speichers, Internetdaten, usw.), um so präzise wie möglich das Profil des Users zu bestimmen. Und das, bis die "Data Brokers" ihn beinahe so gut kennen, wie er selbst.   

Die Analyse der Verbraucher-Daten erfolgt dann über Muster. Charaktereigenschaften, Shopping-Verhalten, Gewohnheiten, geheime Wünsche und Wahl-Intentionen werden mit statistischen Wahrscheinlichkeiten vorausgesagt. Auch preisen Marketingfirmen an, genau zu wissen, welchen Inhalt man welchem User präsentieren muss, damit dieser beim Online-Einkauf anbeißt oder am Wahltag das Kreuz an der richtigen Stelle macht. Eines dieser Unternehmen ist "Cambridge Analytica", dessen CEO Alexander Nix nach der US-Wahl erklärte, sein "revolutionärer Ansatz der datengetriebenen Kommunikation" habe einen grundlegenden Beitrag zum Sieg für Donald Trump geleistet, und damit für Furore sorgte. 

 

3. Social Bots: Steht meine Stimme nun zum Kauf?

Cookies tracken

Indem Sie "Ghostery" als Erweiterung in ihrem Webbrowser hinzufügen, können Sie erfahren, welche Firmen Informationen über Sie beim Abrufen einer Webseite zusammentragen.

Ob das Profiling auch in Deutschland für politische Zwecke genutzt wird, ist nicht bekannt. Was bekannt ist, ist dass parteiübergreifend bereits Social Bots eingesetzt werden. Und das nicht erst seit gestern. 2012/2013 wurde vereinzelt ein massiver Anstieg von Followern auf Twitter-Konten von Spitzenpolitikern registriert, heißt es in einem Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag. Auch konnten Social Bot-Aktivitäten auf den Webseiten der Parteien während der Flüchtlingskrise beobachtet werden.

Für Empörung sorgte am 21. Oktober die Ankündigung von AfD-Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel gegenüber dem Spiegel. "Gerade für junge Parteien wie unsere sind Social-Media-Tools wichtige Instrumente, um unsere Positionen unter den Wählern zu verbreiten", erklärte sie. Daher wolle ihre Partei bei der Bundestagswahl 2017 auch Social Bots einsetzen. Weidel musste ihre Aussage wenig später revidieren. Parteivertreter von CDU, CSU, SPD, der Grünen und der Linken distanzierten sich von dieser Wahlkampfführung. Sie versprachen offiziell, keine Social Bots während der Kampagne zu benutzen. 

 

Die AfD und Social Bots
Am 23. Oktober 2016 veröffentlichte die AfD auf ihrer Webseite eine Erklärung, die Partei lehne den Einsatz von Social Bots ab.

 

Woran erkennt man einen Social Bot?

Dennoch stellt sich die Frage: Müssen in Zeiten des Big Data und des Direktmarketings die Stimmen der Bürger nicht mehr errungen werden? Stehen sie gar zum Kauf? Nein, sagen die meisten Forscher. "Ich glaube, dass Social Bots Themen setzen können, dass sie auch dem politischen Diskurs in eine Richtung treiben können", erklärt Dr. Christian Grimme, Social Bot-Forscher an der Universität von Münster und Projektleiter von PropStop. Er glaube jedoch nicht, dass Wahlen so gekauft werden können. "Dafür durchziehen die sozialen Medien die Gesellschaft noch nicht stark genug und sind auch noch nicht ausreichend Informationsmedium. Die üblichen redaktionell betreuten Informationsmedien sind immer noch sehr dominant." 

Das lässt sich auch anhand von Zahlen belegen. Social Bots spielten im US-Wahlkampf vor allem auf Twitter eine Rolle. Das Pew Research Center geht davon aus, dass jeder vierte Amerikaner den Kurznachrichtendienst nutzt. Für Deutschland gibt Twitter die genauen Zahlen nicht heraus. Laut der "Zeit" könnte lediglich jeder 15., vielleicht aber nur jeder 62. wahlberechtigte Deutsche die Plattform nutzen. Die Bürger der Bundesrepublik wären so einer potentiellen Manipulation statistisch gesehen weniger ausgesetzt.   

Ich habe nichts zu verbergen, warum sollte ich meine Daten schützen?

Auch ist die Rolle, die große "Profiling"-Konzerne wie "Cambridge Analytica" beim Trump-Sieg gespielt haben könnten, umstritten - nicht zuletzt weil sich die Information, die Wahl sei dank des Direktmarketings entschieden worden, ausschließlich auf ihre Aussagen stützt. Inzwischen ruderte der Erfinder der von "Cambridge Analytica" eingesetzten Methode zurück. Der Zeit erklärte er, "psychologisches Targeting könnte der sprichwörtliche Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Aber es gewinnt alleine keine Wahl."

Einen anderen Grund hierfür, dass die Bundestagswahl wahrscheinlich nicht maßgeblich von Social Bots beeinflusst werden wird, sieht Christian Grimme im Aufbau des deutschen Wahlsystems. "Bei den amerikanischen Wahlen und beim Brexit war es eine Ja/Nein-Entscheidung. Da können Social Bots einflussreicher sein, gerade, wenn es nur um ein oder zwei Prozent geht, die dann den Sieg ausmachen. Bots können Parteien schonmal etwas pushen oder eine andere etwas schädigen. Bei der Bundestagswahl glaube ich aber, dass unser Wahlsystem robuster ist, denn da geht es nicht um eine Entscheidung zwischen zwei Kandidaten, sondern eher um Parteien. Ich glaube nicht, dass es da krasse Verzerrungen geben kann." 

Social Bots und Politik

Könnten die Regulierung von Fake News und Social Bots mehr Schaden an Grundrechten anrichten als die Phänomene, die bekämpft werden sollen? Lesen Sie hier den Kommentar von Netzpolitik.

Der gleichen Ansicht ist das Büro für Technikfolgen-Abschätzung. Es misst den Social Bots in den Foren der deutschen Parteien – im Vergleich zu den USA – noch keine gewichtige Rolle bei. Die Mitarbeiter betonen, der Einfluss des Microtargetings durch Social Bots auf die potentiellen Wähler sei bisher wenig erforscht, warnen aber gleichzeitig davor, dass es "durch die massenweise Verbreitung von (Falsch-)Nachrichten zu einer Desinformation und 'Klimavergiftung' im öffentlichen Diskurs" kommen könnte. Insofern bärgen Social Bots "das Potenzial, das Vertrauen in die Demokratie zu unterlaufen."

Warum ist politisches Direktmarketing gefährlich?

Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass die Bundestagswahl 2017 massiv von Social Bots beeinflusst werden wird, muss der Wähler im Zeitalter von Big Data-Analysen und Microtargeting daher lernen, mit einer neuen Art der Werbung umzugehen, so Jürgen Pfeffer, Professor für "Computational Social Science and Big Data" an der TU München. "Wenn plötzlich in einer privaten Interaktion, die Sie mit ihrer Familie oder ihren Freunden auf FB führen, eine Wahlwerbung erscheint, die sich vielleicht sogar auf den Gesprächsinhalt Ihrer Interaktion bezieht, dann ist das eine Intervention, eine Kommunikation, die wir nicht gewohnt sind und an die wir uns erst einmal gewöhnen müssen. Das ist schon eine neue Herausforderung, eine neue Dimension der Werbung und der Beeinflussung." 

 

Zuletzt geändert am 30. August 2017