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"Risiken und Nebenwirkungen des Politikversagens tragen die Verbraucher"

Länder: Europäische Union

Tags: Lebensmittel, Lebensmittelsicherheit, Selbstversorger, bio

Jeder Lebensmittelskandal verunsichert die Verbraucher zutiefst. Was kann man eigentlich noch essen? Angesichts zahlreicher Lebensmittelskandale wollen manche Bürger nicht mehr länger auf strengere Regelungen der Lebensmittelindustrie durch die Politik warten. Sie handeln und bauen ihre eigene Nahrung an. ARTE hat eine dieser Selbstversorger-Familien getroffen.

La famille Tirler, producteurs-consommateurs

 

 

Die Politik verspricht immer wieder, etwas gegen die schwarzen Schafe der Lebensmittelindustrie zu unternehmen. Doch hat sich langfristig etwas geändert? Das haben wir Matthias Wolfschmidt gefragt. Er ist studierter Veterinärmediziner und stellvertretender Geschäftsführer von "Foodwatch – die Essensretter". Der Verein kämpft für die Rechte der Verbraucher und echte Lebensmittel.

 

Aus offensichtlich kranken Tieren werden dann aber "gesunde" Lebensmittel hergestellt. Die EU-Kommission und die Regierungen der Mitgliedstaaten wissen und billigen das."

 

ARTE Journal: Im Sommer wurde bekannt, dass mangelnde Hygiene in Schlachthöfen zu immer mehr Erkrankungen beim Verbraucher führen. Werden unsere Lebensmittel immer schlechter?

Matthias Wolfschmidt: Das Ausmaß der Probleme in Schlachthöfen kann erst beurteilt werden, wenn die amtlichen Kontrollergebnisse lückenlos veröffentlicht werden. Das ist weder in Deutschland noch in Frankreich der Fall. Bei drei Vierteln der Schlachtschweine finden die Kontrolleure Organerkrankungen an Lungen, Lebern oder Herzbeuteln. Aus offensichtlich kranken Tieren werden dann aber "gesunde" Lebensmittel hergestellt. Die EU-Kommission und die Regierungen der Mitgliedstaaten wissen und billigen das.

Wurde der Hersteller der Lasagne belangt? Nein. Wurde irgendein Handelskonzern zur Verantwortung gezogen? Nein."

 

 

Kann man der Lebensmittelindustrie noch trauen?

Matthias Wolfschmidt: Noch nie waren die Warenströme so komplex, noch nie die Lebensmittelindustrie derartig global vernetzt. Der Pferdefleischskandal hat uns allen zumindest eine Idee davon gegeben, wie es in der europäischen Lebensmittelwirtschaft zugeht. Lückenlose Rückverfolgbarkeit ist seit zehn Jahren europaweit gesetzlich vorgeschrieben – funktioniert aber offensichtlich nicht. Wurde der Hersteller der Lasagne belangt? Nein. Wurde irgendein Handelskonzern zur Verantwortung gezogen? Nein. Der EU-Kommission scheint das ebenso egal zu sein wie den Regierungen in Berlin und Paris.

 

Bei jedem Skandal beschwört die Regierung, etwas zu unternehmen. Ist das langfristig auch der Fall?

Matthias Wolfschmidt: Leider nein. Weder werden funktionierende Rückverfolgbarkeitsvorschriften noch die überfälligen Veröffentlichungspflichten für alle behördlichen Kontrollmaßnahmen eingeführt. Sie können den Lebensmittelsektor im riesigen EU-Binnenmarkt nur regulieren, wenn sie konsequent auf wirksame Vorbeugemaßnahmen setzen. Wenn etwas schief geht, ist es meist so, dass die Ware bereits aufgegessen ist, bevor Behörden tätig werden. Risiken und Nebenwirkungen dieses massiven Politikversagens tragen die europäischen Verbraucher. 

Im Lebensmittelsektor ist es unglaublich leicht, mit einiger krimineller Energie zu betrügen oder die Unschuld vom Lande zu geben."

 

 

Was muss die EU tun?

Matthias Wolfschmidt: Die EU muss endlich konsequent auf vorbeugende Rechtsdurchsetzung im Lebensmittelsektor setzen. Es ist unglaublich leicht, hier mit einiger krimineller Energie zu betrügen oder die Unschuld vom Lande zu geben. Also muss es eine lückenlose Verantwortungskette für die Einhaltung der Lebensmittelgesetze geben – von der landwirtschaftlichen Erzeugung über jede Stufe des Transports, der Verarbeitung bis hin zum Verkauf im Supermarkt. Die Betonung liegt auf "lückenlos". Kein Akteur darf sich mehr mit angeblicher Unwissenheit herausreden können. Wäre das gegeben, hätten beim Pferdefleischskandal nahezu alle Handelskonzerne der EU ernsthafte Probleme bekommen. So aber haben sie sich als Opfer finsterer Betrügereien darstellen können. 

Bei jedem Skandal wird von interessierter Seite behauptet, man müsse nur bewusst genug einkaufen (...). Aber das ist völliger Unfug."

 

 

Kann man sich als Verbraucher schützen?

Matthias Wolfschmidt: Bei jedem Skandal wird von interessierter Seite behauptet, man müsse nur bewusst genug einkaufen, die Augen offen halten, teurere Produkte kaufen etc. dann sei man auf der sicheren Seite. Aber das ist angesichts der grundsätzlichen Probleme völliger Unfug. Auch in Nischenmärkten wie Bio gibt es regelmäßig sowohl illegale als auch legale Täuschungen in Betrügereien. Ein Problem von solch grundlegendem Ausmaß kann man nicht individuell lösen – das geht nur durch die politische Bündelung und Vertretung von Verbraucherinteressen.

 Ist es nicht seltsam, dass wir uns bei einem solch elementaren Thema wie Ernährung damit abfinden sollen, private Not-Lösungen zu finden?

 

 

Ist Selbstversorgung der einzig sichere Weg, gute Lebensmittel zu haben?

Matthias Wolfschmidt: Selbstversorgung ist für die meisten EU-Bürgerinnen und Bürger offenkundig kein Weg – nur eine verschwindend geringe Minderheit hat überhaupt die Möglichkeit dazu. Wer das tut, soll es gerne tun. Aber ist es nicht seltsam, dass wir uns bei einem solch elementaren Thema wie Ernährung damit abfinden sollen, private Not-Lösungen zu finden? Wir von Foodwatch sind davon überzeugt, dass Verbraucherrechte insbesondere beim Essen Bürgerrechte sind. Die müssen wir gemeinsam durchsetzen – gegen massive Widerstände in Ernährungsindustrie und Politik.

 

Die letzten großen Lebensmittelskandale im Überblick:

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Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016