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"Religiosität und Verschwörungsglaube funktionieren nach denselben strukturellen Prinzipen"

Länder: Deutschland

Tags: Verschwörungstheorien, Alternative news, Demokratie

Wie analysiert ein Psychologe den Reiz von Verschwörungstheorien? Wie erklärt er, dass Menschen sich mit Verschwörungstheorien identifizieren? Ein Interview mit Dr. Sebastian Bartoschek.

Dr. Sebastian Bartoschek
© Institut Bartoschek

Dr. Sebastian Bartoschek ist als Psychologe, Dozent und freierJournalist tätig. Er ist Autor eines Dokumentarfilms über den Holocaust-Leugner Axel Stoll ("Ein Interview mit Dr. Axel Stoll"). Bartoschek als Experte für Verschwörungstheorien Bekanntheit erlangt.

 

ARTE Info: Was macht den psychologischen Reiz von Verschwörungstheorien aus?

Dr. Sebastian Bartoschek: Erstens: Verschwörungstheorien reduzieren Komplexität. Wir haben ein einfaches Erklärmodell, das eine klare Ursache-Wirkungsbeziehung herstellt und Zufälligkeiten aus der Welt rausfiltert. Verschwörungstheorien helfen uns also, eine Struktur herzustellen. Vor allem, wenn etwas Ungutes passiert, fällt es uns Menschen leichter, in Kausalitäten zu denken und zielgerichtetes Handeln gegen uns anzunehmen. 

Zweitens: Verschwörungstheorien helfen, Selbstwirksamkeit wiederherzustellen. Man erhält die Möglichkeit, Kontrolle über das eigene Leben zurückzubekommen.

Die Verknüpfung von Religiosität und Verschwörungsglauben ist relativ hoch.

Dr. Sebastian Bartoschek, Psychologe und Autor

Und drittens: Der Verschwörungsglaube schützt vor Verschwörung. Es gibt ja durchaus echte Verschwörungen da draußen und es macht Sinn, ein bisschen vorsichtiger zu sein, als sinnvoll ist. Ein Beispiel: Wenn im Gebüsch etwas raschelt, dann können Sie sagen: 'Ich will keine voreiligen Schlüsse ziehen und schau mal ob da was rauskommt, ob es ein Tier ist oder doch nur der Wind'. Oder sie können annehmen, dass gleich ein wilder Tiger rausspringt. Evolutionär macht das zweite mehr Sinn.

 

Wie würden sie Anhänger einer Verschwörungstheorie auf einer sozialpsychologischen Ebene analysieren?

Verschwörungstheorien sind ein wunderbares Bindemittel für Gruppen. Das Bilden von Gruppen ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. In Gruppen heben wir uns von anderen ab. Wir sind die Guten, wir werden erlöst. Auf der anderen Seite sind die Bösen, die bekämpft werden müssen. Das erleben sie als Mitglied einer jeden Gruppe. Nicht ohne Grund ist die Verknüpfung von Religiosität und Verschwörungsglauben relativ eng.

 

Sie ziehen Parallelen zwischen religiösen Gruppen und Verschwörungstheorien?

Ja, denn letztlich funktioniert Religiosität nach denselben strukturellen Prinzipien wie Verschwörungstheorien. Es wird Ihnen eingetrichtert, vor jemandem Angst zu haben. Und gleichzeitig wird Ihnen eine Lösung angeboten, um die Angst in den Griff zu kriegen. Meistens erscheint die Lösung in Form von zwei Versprechen: Das Versprechen nach Gemeinschaft und jenes nach Erlösung.

 

Den Anhängern einer Verschwörungstheorie werden zwei Versprechen gemacht: Ein Versprechen nach Gemeinschaft und jenes nach Erlösung.

Dr. Sebastian Bartoschek, Psychologe und Autor

Gibt es aus psychologischer Sicht eine Verbindung zwischen Schockmomenten wie Terroranschlägen und der Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Der Politik fällt es unglaublich schwer, offen zu benennen, dass Gewalt nun mal stattfindet. Die ehrlichste Antwort eines Politikers wäre im Moment: 'Wir leben in einer Demokratie und darum wird es immer Terroranschläge geben und wir können unsere Bürger nicht schützen und wir wollen sie auch nicht um jeden Preis schützen, denn dann wären wir in Nordkorea.' Aber diese Kommunikation findet nicht statt, stattdessen wird verschleiert, was zu einer grundlegenden Verunsicherung bei den Bürgern führt. Diese Ausgangslage wiederum ist Nährboden für jede Art von Verschwörungen.

 

Wird der Begriff "Verschwörungstheoretiker" gegenwärtig inflationär behandelt? Werden Leute in eine Ecke gestellt, die gar keine Verschwörungstheoretiker sind, sondern einfach nur Dinge hinterfragen?

Ja, das gibt es. Nehmen wir mal den Fall von Daniele Ganser, der als halbwegs seriöser Wissenschaftler gestartet ist. Dann wurde er nach einer Publikation als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, hat das angenommen und eine Art Selbstviktimisierung daraus gemacht (Anm. d. Red.: Ganser ist ein schweizer Historiker, der mit einer Publikation über NATO-Geheimarmeen sowie kritischen Fragestellungen zum Abschlussbericht der 9/11 Untersuchungskommission Bekanntheit erlangt hat).  Von da an hat eine Spirale der Selbstradikalisierung eingesetzt. Ich glaube, dass es schwer ist, einen solchen Prozess zu verhindern. Die Radikalisierung hat einerseits mit öffentlicher Stigmatisierung und ebenso mit der Annahme der Opferrolle zu tun.

 

Sie treffen selbst regelmäßig im Fernsehen, z.B. in Diskussionssendungen, auf. Wie schwierig ist es, mit Menschen, die solche radikale Positionen vertreten, einen Dialog zu führen?

So lange man auf Faktenbasis diskutieren kann, ist die Grundlage da. Ansonsten hat Diskurs keinen Sinn. Aber leider verpassen es genau diese Exponenten, sich dem öffentlichen Dialog zu stellen und in Fernsehsendungen aufzutreten. Und wenn sie bereit sind, wollen sie genau gestalten, wie der Beitrag zu sein hat. Da sieht man schon, dass etwas schief läuft. Auch ist das Denken vorherrschend, dass Journalisten eine homogene Gruppe darstellen. Dies macht mir mitunter fast noch mehr Sorgen, da jede Kritik schon abgelehnt wird, bevor sie geäussert werden kann.