Mexikos Mauer des Schweigens zum Drogenhandel

Länder: Libanon, Mexiko, Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Agnès Gattegno

Die Regisseurin Agnès Gattegno erzählt von den Dreharbeiten ihrer Dokumentation, die unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfanden. Die Gefahr lauert oft an unerwarteter Stelle.

 

Unterläuft schmutziges Geld aus dem Drogenhandel auch in Frankreich das Finanzsystem, so wie in London?
Gegenwärtig gibt es keine Skandale oder Enthüllungen, die belegen würden, dass Frankreich im gleichen Ausmaß in die Geldwäsche verwickelt ist wie London. Die britische Hauptstadt ist deshalb so stark involviert, weil sie das größte Finanzzentrum Europas ist. Deswegen wird London in der Dokumentation an erster Stelle genannt. Wir wissen, dass auch der Finanzplatz Frankfurt zur Geldwäsche beiträgt. Ich gehe also davon aus, dass Paris genauso betroffen ist. 

 

Experten zufolge wird Europa in zwei bis drei Jahren mehr Drogen importieren als die USA."

 

Warum haben Sie ausgerechnet in Mexiko recherchiert?
Mexiko ist das Zentrum des internationalen Drogenhandels. Vor 20 Jahren war es noch Kolumbien. Dann stiegen die Mexikaner in das Business ein. Sie handeln mit Kokain, betreiben aber keinen Anbau. Langsam setzten sie sich gegen die Kolumbianer durch und beherrschen heute den weltweiten Kokainhandel. Sie stehen mit verschiedenen Mafiaorganisationen in Verbindungen, vor allem mit der Mafia in Kalabrien, mit der ich mich ganz gut auskenne. Experten zufolge wird Europa in zwei bis drei Jahren mehr Drogen importieren als die USA. Das heißt, dass alle kriminellen Vereinigungen mit Mexiko Geschäfte machen werden. Alle Finanzzentren Europas werden davon betroffen sein. Denn eines ist klar: Wo man Drogen verkauft, wird auch Geld gewaschen.

 

Alle Interviewanfragen bei der mexikanischen Behörde zur Geldwäsche-Bekämpfung wurden abgelehnt. Die gegenwärtige Regierung verpflichtet alle Mitarbeiter zu vollkommenem Stillschweigen."

 

Ist es während des Drehs zu Problemen gekommen?
Ja, aber nicht nur wegen der Narcos. Die mexikanischen Regierungsmitglieder unterlagen durchweg einer Omertà und verweigerten jede Zusammenarbeit mit uns. Alle Interviewanfragen bei der mexikanischen Behörde zur Geldwäsche-Bekämpfung wurden abgelehnt. Die gegenwärtige Regierung verpflichtet alle Mitarbeiter zu vollkommenem Stillschweigen. Sie geben nicht die geringste Auskunft über ihre Arbeit im Kampf gegen den Drogenhandel. Nicht einmal mit der Polizei durften wir zusammenarbeiten. Die Journalisten, die mich unterstützten, werden im Abspann nicht genannt – sie haben das Schweigen gebrochen und schweben in Gefahr. Sie haben nicht nur Repressalien von Seiten der Drogenhändler zu befürchten, sondern können auch ihren Beruf nicht ungehindert ausüben, da die Regierung ihnen ihre eigene Lesart aufzwingen will. Das zeigt den wahren Zustand der Demokratie in Mexiko und liefert ein erschreckendes Bild, das eher an eine Diktatur erinnert. Präsident Peña Nieto versucht den Leuten einzureden, dass seine neuen Maßnahmen im Kampf gegen den Drogenhandel wirksam sind. Doch es reicht bekanntlich nicht, die Drogenbosse nur festzunehmen. Es kommen immer sofort neue nach. Die Recherchearbeiten in Mexiko waren zwar schwierig, im Libanon waren sie aber ganz unmöglich. Man verbot uns zu filmen und wir erhielten Drohungen von der Hisbollah. 

 

Sie zeigen in Ihrem Film den Zeugenbericht eines ehemaligen Mitarbeiters des britischen Bankriesen HSBC. Der frühere Angestellte berichtet von systematischer Geldwäsche und wirkt dabei verängstigt – schwebt er tatsächlich in Gefahr?
Er bot uns von sich aus ein Gespräch in der Nähe eines abgelegenen Einkaufszentrums an. Er trug eine Waffe und filzte mich. Die Quelle steht unter dem Schutz des FBI und wird ständig begleitet, wie die italienischen Richter, die gegen die Mafia ermitteln. Doch seine Bodyguards bekommt man nicht zu Gesicht. Ein Interview in einem geschlossenen Raum wäre ungünstig gewesen ‒ die Wände haben bekanntlich Ohren ‒ deswegen gingen wir raus auf die Straße. Das machte ihn aber noch nervöser. Zwei Tage vor dem Interview wollte er uns absagen. Er hatte wirklich Angst und glaubt, dass man ihn aus dem Weg räumen will.

 

Das Interview führte Pascal Mouneyres für "ARTE Magazin"