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Kann Trump die US-Wirtschaft zu Fall bringen?

Länder: Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Donald Trump, Finanzen, Steuern

Steuersenkungen, massive Investitionen in die Infrastruktur, Importzölle von 35 Prozent und eine restriktive Einwanderungspolitik: Seit Donald Trump im Amt ist, macht er mit seinem Wahlkampfslogan "America first" ernst. Der neue US-Präsident versprach bei seiner ersten Pressekonferenz der großartigste Jobproduzent zu werden, "den Gott jemals schuf". Doch das Beratungs-Unternehmen Moody’s Analytics rechnete aus, Trumps protektionistische Politik könnte die USA sieben Millionen Jobs kosten. 1,6 Millionen Jobs könnten es laut dem Ifo-Institut in der Bundesrepublik sein. Drei Monate nach seiner Wahl fragt ARTE Info: Was ist dran an den apokalyptischen Prognosen, die Wirtschaftsexperten vor Trumps Wahl vorausgesagt hatten?

So könnte der Wirtschafts-Horror aussehen

Spätestens seit Donald Trumps Amtseinführung kommt "America first". Der radikale Kurswechsel vom amerikanischen Freihandel zum protektionistischen Wirtschaftsmodell versetzt seit Monaten weltweit Ökonomen in Aufruhr, denn viele sehen schwere Zeiten für die US- und Weltwirtschaft voraus. Dafür gibt es drei maßgebliche Gründe:

1. Präsident Trump will die Einwanderung beschränken. Dabei ist der wirtschaftliche Erfolg der USA stark vom Wissen und den Ideen der Zuwanderer abhängig. Auch könnten internationale Verträge an Trumps Einwanderungspolitik scheitern, weil Experten im Zweifelsfall nicht mehr in die USA einreisen könnten. 

2. Trump hat Schutzzölle von bis zu 35 Prozent angekündigt. Importierte Produkte könnten so deutlich teurer werden. Das würde einerseits die Kaufkraft der Konsumenten senken und andererseits die Wettbewerbsfähigkeit von amerikanischen Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen, die auf den Import von Zwischenprodukten angewiesen sind. Gleichzeitig könnten beispielsweise China und Europa als Reaktion ebenfalls Zölle erhöhen. Ein Handelskrieg entbräche, der Freihandel wäre Geschichte. Nicht nur die US- sondern auch die Weltwirtschaft würden mittel- und langfristig stark unter der daraus resultierenden Isolation leiden, Millionen Jobs gingen verloren.

3. Der neue US-Präsident will Billionen Dollar in Infrastrukturprojekte stecken und die Steuern senken. Das kann er nur dann finanzieren, wenn sich die USA massiv Geld leihen. Wenn die Vereinigten Staaten aber mehr Schulden machen, würde das Staatsdefizit massiv anwachsen. Auch die Inflation würde steigen. Da mehr Schulden mehr Risiko bedeuten, würde die amerikanische Zentralbank (Fed) die Zinsen für US-Staatsanleihen erhöhen. Sie könnte damit die Konjunktur abwürgen, aus dem versprochenen Aufschwung könnte eine Rezession werden.
Die Investoren könnten das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft verlieren und wären gegebenenfalls nicht mehr bereit, US-Staatsanleihen aufzukaufen und so die amerikanischen Schulden zu finanzieren. Sollte erkennbar sein, dass Letztere mittel- und langfristig nicht refinanzierbar sind, könnten die Rating Agenturen die Kreditwürdigkeit der USA herunterstufen. Dem Dollar würde Gefahr drohen, seine Rolle als internationale Reservewährung zu verlieren. Sobald Investoren sich nach anderen Anlageformen umsähen, ginge Trump das Geld aus. Das wäre das Ende von ‘America first’ und auch von Donald Trump.

 

Was ist dran an dem Szenario?

Wenn die USA die Kreditwürdigkeit verlieren, dann wird Trump keines seiner Wahlziele durchkriegen. Dann ist 'America first' gescheitert. Deswegen wird Trump alles daran setzen, die Kreditwürdigkeit nicht in Gefahr zu bringen.

 

Dass Trump mit seiner Politik die US-Wirtschaft derart ins Abseits manövrieren wird, hält Gabriel Felbermayr für unwahrscheinlich. Der Grund: "Trump ist ein Geschäftsmann", erklärt der Direktor des Münchner Ifo-Instituts für Internationale Wirtschaft. Der US-Präsident verstehe sehr wohl, dass gewisse Grundprinzipien von allergrößter Bedeutung seien. "Wenn die USA die Kreditwürdigkeit verlieren, dann wird Trump keines seiner Wahlziele durchkriegen. Dann ist 'America first' gescheitert. Deswegen wird Trump alles daran setzen, die Kreditwürdigkeit nicht in Gefahr zu bringen." 

Hält Trump an seinen angekündigten Infrastrukturprojekten und Steuersenkungen fest, werden zwar die Schulden der USA und auch die Zinsen, zu denen die Vereinigten Staaten Geld leihen, in die Höhe getrieben, "aber das heißt noch lange nicht, dass die Welt den USA kein Geld zu diesen höheren Zinsen borgt". 

Bisher hatten Investoren - ob mit oder ohne Trump - wenig Grund dazu, an der Zahlungsfähigkeit der USA zu zweifeln. Folgendes spricht dafür: 

1. Auch wenn Trump im Wahlkampf durchblicken ließ, man müsse Schulden nicht unbedingt vollständig zurückzahlen, haben die USA noch nie Staatsanleihen ausfallen lassen. Das bedeutet eine hohe Reputation bei den Anlegern, die die USA bereits seit den 60er Jahren mit billigen Krediten versorgen.

2. Außerdem springt die US-Zentralbank (Fed) ein, wenn Investoren zögerlich beim Kauf von amerikanischen Staatsanleihen sind. Indem sie die Staatsanleihen aufkauft, drückt sie die Zinsen. Wenn diese wieder niedrig sind, führt das zu einem Aufschwung an den Finanzmärkten. 

3. Die USA sind entgegen Trumps Beschreibung eine sehr leistungsstarke Volkswirtschaft. Die Arbeitslosenquote liegt bei unter 5 Prozent, das ist nahe der Vollbeschäftigung. Das Pro-Kopf-Einkommen ist ein Drittel höher als der europäische Durchschnitt. Die USA produzieren jährlich ein etwa so großes Bruttoinlandsprodukt wie die Europäer, haben aber 200 Millionen weniger Bürger. Zudem haben viele weltführende und zukunftsorientierte Unternehmen ihren Firmensitz dort.

4. Der Dollar ist als Leit-, Reserve- und Transaktionswährung der Welt unangefochten. Aufgrund der Unsicherheit in der Eurozone ist der Euro für Investoren derzeit keine Alternative.

5. Das Budgetdefizit der USA ist mit 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts noch relativ niedrig. Im Vergleich: Die Verschuldung Großbritanniens liegt bei rund 4 Prozent des BIP. "Die Tatsache, dass die USA eine große, reiche, diversifizierte, prosperierende Volkswirtschaft sind, erlaubt, dass man hier Defizite einplanen kann, die doppelt so hoch sind wie heute, ohne dass man sich große Sorgen machen müsste. (…) Da ist noch einiges an Luft drin", erklärt Felbermayr.  

 

"Mein Gefühl ist, dass auf der Finanzmarktseite wenig Ungemach für Trump droht", fügt der Wirtschaftsexperte hinzu. Denn Trump plane auch Maßnahmen, die dem Finanzsektor gefallen dürften. So will der US-Präsident die Bankenregulierungen der letzten Jahre ein Stück weit zurückdrehen. Dadurch werde zwar einerseits die Stabilität des Finanzmarktes gefährdet, andererseits dürften aber auch die Renditen wieder steigen und mehr Gelder an die Wall Street gezogen werden, so der Wirtschaftsexperte. Auf diese Weise könne Trump zu Teilen sein Leistungsbilanzdefizit finanzieren.   

2,7%

Unter Reagan lag der Wachstumszuwachs bei einem jährlichen Plus von rund 2,7 Prozent beim Wachstum des BIP pro Person. Die US-Wirtschaft boomte, es kam zu einem ungeahnten Jobwunder.

Darauf setzen auch die Aktienmärkte. Entgegen aller Erwartungen haben die Börsen äußerst positiv auf Trumps Wahlsieg reagiert. Die Ankündigung vom Abbau von Regulierungen, von Steuersenkungen und von hohen Investitionen lassen derzeit Anlegerherzen höher schlagen. Der US-Markt hofft, Trumps Maßnahmen könnten für bis zu vier Prozent Wachstum sorgen und fühlt sich an die Ära von Ronald Reagan erinnert, als kräftige Steuersenkungen auf Unternehmensgewinne und Einkommen für einen hohen Wohlstandszuwachs sorgten.
 

Trumps Wähler wird es am Härtesten treffen 

Die Euphorie könnte jedoch von kurzer Dauer sein, vor allem im Land selbst. Denn mehr als um steigende Staatsschulden sorgen sich Wirtschaftsexperten um Trumps Abschottungspolitik. "Die Erzählung, dass die Mexikaner Jobs wegnehmen, ist grundfalsch", erklärt Ifo-Direktor Felbermayr. "Wenn man Mexikaner in hunderttausenden nach Hause schickt, werden sie auf dem Arbeitsmarkt fehlen und dann werden die Löhne steigen." Und eine eingeschränkte Einwanderung, gekoppelt an Schutzzölle würde die Produktionskosten in die Höhe treiben und so die Kaufkraft der Konsumenten erheblich senken.

0,5%

Das Ifo-Institut geht davon aus, dass den Deutschen durch Trumps Politik einen Wohlfahrtsverlust von 0,5 Prozent des BIP droht.

Das Ifo-Institut hat ausgerechnet, dass Trumps Politik - anders als die von Reagan - die Amerikaner einen Wohlfahrtsverlust von 1,5 Prozent des BIP kosten könnte. Am Härtesten würde es vor allem wenig betuchte Amerikaner, also Trumps Wählerschaft, treffen, die sich dann die in den USA produzierten Autos, Waschmaschinen und Mixer nicht mehr leisten könnten. Das dürfte für Unmut sorgen.

Hinzu kommt, dass - sollten Mexiko, China und Europa in Reaktion auf Trumps protektionistische Maßnahmen eigene Schutzzölle erheben, ein Handelskrieg droht. Durch den Verfall des Freihandels würden Millionen Jobs verloren gehen. "Der Verdacht, dass es durch Schutzzölle zu Erschwernissen im internationalen Handel kommt, hat sich im letzten Monat massiv verhärtet. Davon gehen die allermeisten Unternehmen heute aus", merkt Gabriel Felbermayr an.

Die apokalyptische Prognose, die Wirtschaftsexperten aufgestellt hatten, ist nach Trumps Wahl nicht eingetreten. Die Aktienmärkte haben erst einmal positiv auf die Versprechen aus dem Oval Office reagiert. Mittel- und langfristig aber, fürchten die meisten Ökonomen, könnte eine protektionistische Politik, geprägt von Schutzzöllen, eingeschränkte Handelsbeziehungen und einer restriktiven Einwanderungspolitik die US-Wirtschaft stark bremsen. Und das würde der amerikanischen Volkswirtschaft großen Schaden zufügen. Die, die darunter am meisten leiden würden, sind die wenig betuchten Amerikaner, letztendlich Trumps Wähler.    

Zuletzt geändert am 17. Februar 2017