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"Der Jemen ist ein 'failed state'"

Präsident Hadi musste vor den Rebellen fliehen. Diese sehen sich nun Luftbombardements ausgesetzt. Dazu dringen islamistische Extremisten von Al-Kaida und IS ins Land und verschärfen die Situation zusätzlich. Wir haben die Islamwissenschaftlerin und Politologin Mareike Transfeld zum Bürgerkrieg und der Lage im Jemen befragt.

ARTE Journal: Warum hat die Internationale Koalition unter Saudi-Arabien ausgerechnet jetzt militärisch

Mareike Transfeld

eingegriffen?

Mareike Transfeld: Erstens, die Huthis haben gestern eine Militärbasis eingenommen, die vorher von den USA benutzt wurde im Kampf gegen Al-Kaida. Sie stand mittlerweile leer. Außerdem standen die Huthis kurz zuvor, Aden einzunehmen. Dort hielt sich Präsident Hadi auf. Hätten sie das geschafft und Hadi gefunden, dann hätten sie praktisch das ganze Land beherrscht. Weil, dann hätte es keinen Gegenspieler mehr gegeben. Genau das wollen die Saudis nun verhindern. Es ist Hadi gelungen, Aden zu verlassen. Die legitime Macht ist also weiter existent. Und darum ging es: den Staat sozusagen am Leben zu erhalten.

 

Präsident Hadi musste nach Saudi-Arabien fliehen. Ausländische Beobachter befürchten einen weiteren interislamischen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten. Sehen Sie das auch so?

Mareike Transfeld: Es ist in erster Linie ein Machtkonflikt. Es geht darum, wer den Staat kontrolliert, wer die Macht ausübt und wer von außen als Regierung anerkannt wird. Auf der einen Seite sind das die Huthis, die den Staat kontrollieren wollen. Und auf der anderen Seite Hadi, der aus dem Staat herausgedrängt wurde und nun wieder die Kontrolle zurückerlangen will. Allerdings spitzt es sich auch so zu, dass diese religiöse Komponente irgendwann eine Rolle spielt. Aber das kommt hauptsächlich von außen. Dadurch, dass die eine Seite von Saudi-Arabien unterstützt wird und gerade die Saudis fürchten, dass der Iran und die Huthis sehr eng miteinander kooperieren, kommen dann die Befürchtungen, es handle sich um einen Konflikt Sunniten gegen Schiiten. Dabei ist das vor Ort gar nicht so. Die Menschen definieren sich überhaupt nicht darüber, ob sie Sunniten oder Schiiten sind. Es geht vielmehr darum, welchem Stamm sie zugehören. Es geht noch viel mehr darum, ob sie Nordjemenite oder Südjemenite sind.

 

Warum ist es den Huthi-Milizen so wichtig, offiziell die Regierung zu übernehmen?

Es geht tatsächlich um den Staatsapparat und die Ressourcen. Also das Öl, aber vor allen Dingen die internationale Legitimität, weil der Jemen von internationaler Hilfe abhängig ist. 

Mareike Transfeld - 26/03/2015

Mareike Transfeld: Es geht tatsächlich um den Staatsapparat und die Ressourcen. Also das Öl, aber vor allen Dingen die internationale Legitimität, weil der Jemen von internationaler Hilfe abhängig ist. Wer also den Staat kontrolliert, kontrolliert die internationale Hilfe und den Export des Öls. Deshalb ist es so wichtig, die staatlichen Institutionen zu kontrollieren. Und wir sehen, dass die Huthis jetzt die Institutionen eingenommen haben. Sie haben aber keine Legitimität, da sie von Saudi-Arabien und der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt werden. Auf der anderen Seite steht Präsident Hadi, der keine Institutionen mehr hat, aber die Legitimität besitzt. Deshalb spitzt sich der Konflikt so zu.

 

Immer wieder wird dem Iran vorgeworfen, die schiitischen Huthis zu unterstützen. Man sprich konkret von Waffen. Haben Sie dafür Belege?

Meike Transfeld: Es gibt sehr wenig konkrete Hinweise darauf, dass die Huthis tatsächlich mit dem Iran zusammenarbeiten bzw. dass der Iran die Huthis mit Waffen und anderen Mitteln ausgestattet hat, so dass sie in diese Position gekommen sind. Es kann durchaus sein, dass Militärberater aus dem Iran bei den Huthis waren. Es kann auch sein, dass Militärberater von der Hisbollah im Jemen waren und sie beraten haben. Aber ich glaube nicht, dass das den Unterschied ausgemacht hat. Viel wichtiger war da schon die Unterstützung durch den ehemaligen Präsidenten Ali Abdallah Saleh.

 

Andere Stimmen sprechen bereits von einem Stellvertreterkrieg im Jemen: Saudi-Arabien und der Iran kämpften dort um mehr Einfluss in der Region, heißt es.

Mareike Transfeld: Auf der lokalen Ebene gibt es ganz eigene Dynamiken, die diesen Konflikt beeinflussen. Aber auf der regionalen Ebene hat diese Rivalität Saudi-Arabien gegen Iran doch Einfluss auf den Konflikt. Saudi-Arabien hat große Angst davor, dass der Iran durch die Huthis, sozusagen in seinem Hintergarten, Einfluss gewinnen kann. Saudi-Arabien hat seit langem großen Einfluss im Jemen ausgeübt und fürchtet nun, dass das durch den Iran berührt wird. Das Gleiche gilt auch für die USA. Die haben ihren Einfluss auf den Jemen im Moment verloren, wollen den aber natürlich zurück bekommen.

 

Wie geht es weiter? Der Jemen ist ohne Regierung. Wir wissen, bis 1990 war das Land zweigeteilt. Kann es wieder zu einer Spaltung kommen?

Der Staat an sich, die Strukturen sind zerfallen. Man kann von einem "failed state" sprechen. 

Mareike Transfeld - 26/03/2015

Mareike Transfeld: Es ist schon so, dass der Staat eigentlich nicht mehr wirklich existiert. Es gibt noch einzelne Personen, die ihn darstellen, wie eben Präsident Hadi. Aber das Militär zum Beispiel ist absolut fragmentiert und steht auch unter der Kontrolle von unterschiedlichen Personen, wie dem ehemaligen Präsident Saleh. Das heißt, der Staat an sich, die Strukturen sind zerfallen. Man kann von einem "failed state" sprechen. Wie das weiter geht, ist sehr schwer vorauszusehen. Eine Teilung wie in der Vergangenheit in Nord und Süd ist aber nicht das wahrscheinlichste Szenario. Denn es gibt auch da nicht den einen Süden und den einen Norden, der sich abtrennen möchte. Ich denke, dass wir eine Fragmentierung sehen werden, eine Zersplitterung, aber keine saubere Aufteilung in Nord und Süd.

 

 

Zuletzt geändert am 26. März 2015