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Ist der Deutschunterricht in Frankreich in Gefahr?

Länder: Frankreich

Tags: Schule, Reform, Najat Vallaud-Belkacem

Nach der Reform der Schulzeiten muss sich die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem einer neuen Feuerprobe stellen. Sie will den Schulunterricht am Collège – das entspricht in Deutschland der 6. bis 9. Klasse – reformieren. Geplanter Starttermin: Nach den Sommerferien im September 2016. Die Reform sieht die Streichung der sogenannten bilingualen Klassen und Europaklassen vor. In diesen Klassen lernen die Schüler ab der ersten Collègeklasse (entspricht der 6. Klasse in Deutschland) zwei Fremdsprachen. Mit der neuen Reform soll die erste Fremdsprache schon ab der 1. Klasse in der Grundschule und die zweite Fremdsprache erst ab der 7. Klasse unterrichtet werden, also ein Jahr später als zuvor. Die letzten drei Klassen im Collège wird die Fremdsprache dann 2 1/2 Stunden pro Woche unterrichtet, vorher waren es drei Stunden während vier Jahre. Die Reform betrifft alle Schüler am Collège und nicht nur jene, die die bilingualen und Europaklassen besuchen. Mehr Informationen darüber erhalten Sie in unserer interaktiven Grafik. Die Regierung hatte wegen des Reformvorschlags mit Widerstand gerechnet, aber sicherlich nicht damit, dass gerade der Deutschunterricht in Frankreich für großen Gesprächsstoff sorgen würde. Sozialisten und sogar deutsche Kulturinstitute mischen sich in die Debatte ein und fordern: Wir müssen Deutsch sprechen!

Die geplante Reform des französischen Collège erregt auf beiden Seiten des Rheins die Gemüter. Sehen Sie hier den Beitrag im ARTE Journal vom 19. Mai, der sich dem Thema widmet.

Les classes bilangues menacées

 

Die Reform des Collège, die Vallaud-Belkacem am 11. März dieses Jahr vorlegte, sorgt vor allem auch unter Pädagogen für viel Wirbel. Die wichtigsten Berufsverbände haben für den 19. Mai zu einem Streik aufgerufen. Die neue Reform sieht für die Schulleiter mehr Autonomie und eine Neuorganisation des Fremdsprachenunterrichts vor. Grund: die französischen Schüler gehören in Bezug auf ihre Fremdsprachenkenntnisse zu den schlechtesten in Europa. Laut Angaben der EU-Kommission haben nur 11 Prozent der französischen Schüler ein gutes Niveau in ihrer ersten Fremdsprache. Zum Vergleich: In Schweden sind es 82 Prozent.

Um das Projekt des französischen Ministeriums für Bildung zu verstehen, das im September 2016 in Kraft treten soll, müssen wir nochmal an die Tafel gehen.

 

 

 

 

 

Rettet den Deutschunterricht!

 

Dank der bilingualen Klassen ist die deutsche Sprache die dritte Fremdsprache geblieben. Die Förderung dieser Sprache ist einer der Grundpfeiler der deutsch-französischen Zusammenarbeit.

Jean-Marc Ayrault, ehemaliger Premierminister am 02.04.2015

Sind die Tage der deutschen Sprache in Frankreichs Klassenräumen bald gezählt? Die Beunruhigung über den eventuellen baldigen Rückgang der Deutschlernenden in den sogenannten bilingualen Klassen ist groß, denn viele Schüler am Collège ziehen die Sprache Shakespeares der von Goethe vor. 97,7 Prozent der Schüler lernen Englisch, wohingegen nur 15,4 Prozent Deutsch lernen. Die deutsche Sprache nimmt den dritten Platz der gesprochenen Fremdsprachen in Frankreich ein.

"Die Reform des Collège geht in die richtige Richtung", unterstreicht Audrey Linkenheld, Abgeordnete im Departement Nord. "Die eventuellen Konsequenzen der Streichung der bilingualen Klassen wurden jedoch nicht ausreichend vom Ministerium durchdacht. In neun von zehn bilingualen Klassen wird Deutsch unterrichtet. Streicht man nun diese Klassen, wählen die Schüler nicht mehr Deutsch als zweite Fremdsprache, sondern Spanisch wie alle anderen auch." Auch Frankreichs ehemaliger Premierminister, Jean-Marc Ayrault, ehemals Deutschlehrer, sorgt sich um den Stellenwert der deutschen Sprache in Frankreich. Seine Bedenken teilte er seiner Parteigenossin Vallaud-Belkacem in einem persönlichen Brief mit: "Dank der bilingualen Klassen ist die deutsche Sprache die dritte Fremdsprache geblieben. Die Förderung dieser Sprache ist einer der Grundpfeiler der deutsch-französischen Zusammenarbeit.“ 

 

Frankophile bangen um Germanophilie beim Nachbarn

10 Jahre währende Bemühungen mit einem beachtlichen Erfolg in der Akzeptanz der deutschen Sprache in den Collèges und Lycées sollen hier mit einem Federsprich [sic] zunichte gemacht werden.

Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften

Auch bei Deutschlands Frankophilen herrscht Alarmstimmung. Am 21. März veröffentlichte der Verein der Deutschlehrer ADEAF eine Petition gegen die Reform. Die sehen in dem Vorhaben ein "programmiertes Ende des Deutschunterrichts". So lautet der Titel der Petition, die sie unter anderem an François Hollande und Bildungsministerin Vallaud-Belkacem gerichtet haben. Die Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa kritisiert die Entscheidung auf ihrer Webseite ebenfalls. Auf der Homepage rufen sie zur Solidarität mit den französischen Deutschlehrern auf. "10 Jahre währende Bemühungen mit einem beachtlichen Erfolg in der Akzeptanz der deutschen Sprache in den Collèges und Lycées sollen hier mit einem Federsprich [sic] zunichte gemacht werden."

 

Deutsch-Französische Lobby beunruhigt

Auch deutsch-französische Einrichtungen sind wegen des Vorhabens alarmiert und fürchten um ihren Nachwuchs aus Frankreich. Dr. Jochen Hellmann, Generalsekretär der Deutsch-Französischen Hochschule ist nicht begeistert von dem Vorhaben: "Wir sind besorgt, dass weniger Jugendliche in Frankreich Deutsch lernen und dementsprechend Angebote wie die deutsch-französischen Studiengänge unserer Universität nicht mehr wahrnehmen können."

Aus dem Nachbarland weht auch Unverständnis. "Wieso soll man etwas abschaffen, was sich bewährt?", fragt sich Dr. Markus Ingenlath, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Die bilingualen und europäischen Klassen hält er für ein Exzellenzprogramm in Frankreich, gerade weil es Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien das Erlernen einer zweiten Sprache ermöglicht.

Deutsch-Französische Beziehungen in Gefahr?

Zum engen Verhältnis von Nachbarn trägt auch bei, dass man die Sprache des anderen versteht. Weniger Sprachkenntnisse sorgen zwangsweise für eine Entfremdung.

Dr. Jochen Hellmann, Generalsekretär der Deutsch-Französischen Hochschule

Einen Bruch der deutsch-französischen Beziehung hält Jochen Hellmann jedoch für unwahrscheinlich. "Die deutsch-französische Freundschaft ist schon so weit stabilisiert und institutionalisiert, dass eine solche Entscheidung unsere Beziehungen nicht in Frage stellt."  Eine Gefahr besteht dennoch. Die deutsch-französische Zusammenarbeit funktioniert seit Adenauer und de Gaulles Bemühungen so eng wie noch nie. "Zum guten Verhältnis von Nachbarn trägt auch bei, dass man die Sprache des anderen versteht. Weniger Sprachkenntnisse sorgen zwangsweise für eine Entfremdung. Auch eine Verständigung auf Englisch kann das nicht wettmachen", meint Hellmann.

Kritiker sehen in dem Vorhaben sogar einen Verstoß gegen den Élysée-Vertrag und die Erneuerungsgespräche anlässlich seines 60. Jubiläums 2013. Dort wurde jeweils eine gegenseitige Sprachförderung beschlossen.

Die deutsche Botschafterin in Paris, Dr. Susanne Wasum-Rainer, traf sich indes an diesem Montag zum Gespräch mit Najat Vallaud-Belkacem um ihre Sorge zum Ausdruck zu bringen. Während die französische Bildungsministerin erklärte, Deutsch in Zukunft in Frankreich eher stärken zu wollen, sprach die Botschafterin von der "Gefahr einer atmosphärischen Beeinträchtigung unserer bilateralen Abkommen und Absprachen". Auch negative Folgen für die landesweite Abnahme des AbiBac, die Städtepartnerschaft, die deutsch-französische Hochschule, Schüleraustausche sowie die Programme des Deutsch-Französischen Jugendwerks werden befürchtet.

 

Deutsche Sprache, elitäre Sprache?

 In Zukunft werden wir anstelle der 16 Prozent, die ab der 6. Klasse zwei Fremdsprachen lernen, 100 Prozent haben, die ab der 7. Klasse zwei Sprachen lernen. Worin besteht da der Niedergang der deutschen Sprache?

Najat Vallaud-Belkacem, Bildungsministerin

Die Reform, die Najat Vallaud-Belkacem weiterhin verteidigt, soll die einheitliche, staatliche Schule fördern und gegen eine Bildungsform ankämpfen, die die soziale Ungleichheit zwischen den Schülern teilweise vertieft. Die bilingualen Klassen gelten in Frankreich bei manchem als elitär, weil damit die Regeln der Schulbezirke umgangen werden können. Die Kinder müssen in dem Bezirk in die Schule gehen, wo sie wohnen, außer die Eltern wollen sie in eine sogenannte bilinguale oder europäische Klasse schicken, die es nicht in jedem Schulbezirk gibt. So können Eltern ihre Kinder auf Schulen mit besserem Ruf schicken. Aber in Wirklichkeit sieht die Realität anders aus. Audrey Linkenheld erklärt das so: "Die bilingualen Klassen betreffen lediglich 20 Prozent der Schüler in Frankreich. Das sagt die Bildungsministerin immer wieder. Allerdings gibt es diese Klassen oft in Schulen in sozial benachteiligten Viertel oder ländlichen Gegenden. Also trägt diese Unterrichtsform eher zur sozialen Vielfalt bei. Das habe ich jedenfalls in meinem Wahlbezirk in Lille festgestellt. Wenn diese Klassen nun gestrichen werden, könnte es sein, dass die Eltern ihre Kinder auf Privatschulen schicken."

La carte scolaire
Um die Gemischtheit der Bevölkerungsstruktur im Collège und dem Gymnasium zu gewährleisten, wurde 1963 in Frankreich die "Carte scolaire" eingeführt. Eltern müssen demnach ihre Kinder an einer Bildunsgeinrichtung im Bezirk ihres Wohnortes anmelden. Die Sprachoptionen, die in einigen Collège angeboten werden, ermöglichen den Eltern aber, diese Pflicht zu umgehen und ihr Kind in einer Schule anzumelden, die einen besseren Ruf hat. Die Eltern müssen dafür aber eine Ausnahme beantragen, die sie damit begründen, dass in der betreffenden Schule Unterricht angeboten wird, der anderswo nicht zu finden ist.

Ob Najat Vallaud-Belkacem bereit sein wird, ihre Reformvorschläge noch einmal zu überdenken oder gar zu korrigieren, bleibt offen, ist aber infolge der heftigen Welle der Kritik durchaus denkbar. 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016