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Indien: Lieber Kuh als Frau

Länder: Indien

Tags: Frau, Rolle, Kuh

Sie könnte die neue Präsidentin Indiens werden: Meira Kumar. Die Kandidatin der Oppositionsparteien kämpft nicht nur für die Kaste der Dalits, der ehemals Unberührbaren, sondern auch für Frauen in ganz Indien. Denn noch immer gibt es dort große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen werden nicht nur systematisch benachteiligt, sondern sind auch immer wieder schwerer Gewalt ausgesetzt. Dieses Thema beschäftigt auch den Fotografen Sujatro Ghosh. In einem neuen Projekt fragt er provokativ, wie viel das Leben einer Frau in Indien überhaupt wert ist.

Eine Frau in Jeans und T-Shirt posiert vor dem beliebten India Gate In Neu-Delhi – auf den Fotos des Künstlers Ghosh sind Frauen in allen Lebenslagen zu sehen. Das Besondere daran: sie alle tragen eine Kuhmaske und das hat eine große symbolische Wirkung, denn der hinduistischen Mehrheit in Indien sind Kühe heilig. In den letzten Monaten kam es immer wieder zu Ehrenmorden an Muslimen, für die das Tier ein Nahrungsmittel ist. Ghosh stellt deshalb fest: "In meinem Land genießen Kühe eine große Sicherheit. Ihr Leben ist mehr wert als das Leben einer Frau." Seine Fotos sollen auf eine paradoxale Entwicklung aufmerksam machen: während für Kühe gekämpft und gemordet wird, wird Frauen Sicherheit verwehrt und die Zahl der Vergewaltigungen steigt. 2015 kam es so zu mehr als 300.000 Gewalttaten an Frauen, über 35 Prozent davon geschahen innerhalb der Familie oder Ehe. Ein Großteil der Straftaten wie Vergewaltigungen oder Entführungen finden aber auf offener Straße statt. Laut Ghosh müssen Straßen zu einem sicheren Ort werden: "Wenn wir Kühe schützen können, wieso dann nicht Frauen?"

 

 

 

Patriarchalische Gesellschaftsstruktur als Grundlage für Diskriminierung

Angefangen hat Ghosh das Projekt in Neu-Delhi, der Stadt, die hinter Jodhpur als die gefährlichste Stadt für Frauen in Indien gilt. 2015 gab es hier über 1.800 angezeigte Vergewaltigungen. Die Dunkelziffer und die Zahl der sexuellen Übergriffe werden weit höher geschätzt. Ghosh will aber auch Frauen außerhalb der Hauptstadt mit seiner Kuhmaske ablichten. In einer Crowdfunding-Kampagne sammelt er gerade Geld, um nach Mumbai, Bangalore, Kerala und in den Nordosten Indiens zu reisen. Die ersten Bilder seiner Reise sind bereits online.

Die Rolle der Frau wird in Indien immer wieder diskutiert. Die patriarchale Gesellschaftsstruktur bildet die Grundlage für die Diskriminierung. Doch auch die Zerrissenheit des Landes zwischen Tradition und Moderne spiegelt sich in ihr wieder, wie die Sozialwissenschaftlerin und Autorin Geetanjali Shree gegenüber Tagesspiegel.de sagt: "Die neuen sozialen Diskrepanzen und ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken überfordern die Menschen, führen zu aufgestautem Ärger. Wir sitzen auf einem Pulverfass, das völlig unberechenbar in alle Formen von Gewalt explodiert. Eine tödliche Kombination aus dem Schlimmsten des Alten und des Neuen entmenschlicht die Gesellschaft." Das beste Mittel für ein friedliches Miteinander ist ihrer Meinung nach Aufklärung.

Der wichtigste Akteur auf diesem Weg ist wohl die Politik. Sie muss es schaffen, Frauen gleiche Rechte und Sicherheit zu bieten. Die Präsidentschaft Kumars wäre eine Chance hierzu. Doch ohne ein gesellschaftliches Umdenken kann eine Gleichberechtigung nicht gelingen und so sind Projekte wie das von Ghosh besonders wichtig, um weiterhin dafür zu sorgen, dass Geschlechterbildern in Indien hinterfragt werden.

Weitere Frauenrechtsprojekte in Indien
Zahlreiche Gruppen setzen sich mit Projekten und Protesten für die Rechte indischer Frauen ein. Die Bewegung Why Loiter? versucht, den männlich dominierten öffentlichen Raum zurückzugewinnen und Frauen dort wieder sichtbar zu machen. Die Gruppe Pinjra Tod setzt sich gegen strenge Ausgangssperren bei Wohnheimen, Mietwohnungen und Hostels in indischen Städten ein. Betroffen sind davon vor allem junge Frauen, die zum Studium in die Stadt ziehen. Begründet werden die Sperrzeiten mit dem Schutze der Frauen. Für Männer gibt es in Wohnheimen keine vergleichbaren Regelungen.

Zuletzt geändert am 18. Juli 2017