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"Frauen werden seit Urzeiten als Menschen zweiter Klasse betrachtet"

Länder: Frankreich, Deutschland

Tags: Gewalt, Gewalt gegen Frauen

Es sind schreckliche und schmerzende Zahlen: 7 von 10 Frauen weltweit sind mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer oder sexueller Gewalt. Davon ist jedes zweite weibliche Opfer unter 16 Jahren alt. Das Risiko für Frauen zwischen 15 und 44 Jahren vergewaltigt oder Opfer von häuslischer Gewalt zu werden ist größer als die vereinten Risiken Krebs zu bekommen, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden oder sich mit Malaria anzustecken. 

Diesen Statistiken des Grauens schenkt man jeweils am 25. November besondere Aufmerksamkeit, denn er ist seit 1981 der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Arte Journal hat für Sie Zahlen und Fakten der Vereinten Nationen zusammengetragen. Außerdem sprach Annette Gerlach über das Thema Gewalt an Frauen mit Gunda Opfer, Sprecherin der Themengruppe "Menschenrechtsverletzungen an Frauen" von Amnesty International Deutschland

 

ARTE Journal: Welche Arten von Gewalt an Frauen unterscheidet man und in welchen Ländern treten sie am häufigsten auf?

In Pakistan, Russland und Bolivien gaben 70 bis 80 Prozent der befragten Frauen an, schon Misshandlungen durch ihren Partner erlitten zu haben. 

 

Gunda Opfer: Zuerst einmal muss man sagen, dass sich Gewalt an Frauen vielfach im Verborgenen abspielt, und es daher sehr schwierig ist, das Phänomen zahlenmäßig zu erfassen oder Statistiken aufzustellen. Die am weitesten verbreitete Form der Gewalt an Frauen ist häusliche Gewalt und da liegen Zahlen aus länderübergreifenden Befragungen vor. Pakistan, gefolgt von Russland und Bolivien sind hier die negativen Spitzenreiter. In diesen Ländern gaben 70 bis 80 Prozent der befragten Frauen an, schon Misshandlungen durch ihren Partner erlitten zu haben. 

Bei der Verstümmelung der weiblichen Genitalien liegen bestimmte afrikanische Länder an der Spitze. Zu erwähnen ist hier aber auch insbesondere Ägypten, wo rund 90 Prozent der Frauen davon betroffen sind. Genitalverstümmelung beeinträchtigt ein Leben lang das Sexualleben und die Gesundheit der Frauen.

Ein anderes Kapitel sind Vergewaltigungen im öffentlichen Raum. Sie stellen für Frauen in vielen Ländern eine riesengroße Bedrohung dar. Besonders in Kriegszeiten und Nachkriegswirren wird Vergewaltigung bekanntlich systematisch als Waffe gegen Frauen eingesetzt. Und naturgemäß werden hier Betroffene schon mal gar nicht gezählt. Seit längerem ist die Demokratische Republik Kongo hier als Beispiel eines Krisenherdes zu nennen. Es ist ein Land mit ganz extremer Gefahr für Frauen. Ein Problem, das Amnesty International am heutigen internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen neben vielen anderen Aktionen auf die Agenda gesetzt hat.

Dann gibt es natürlich noch das große Thema Frauenhandel, insbesondere mit dem Ziel der Zwangsprostitution. Nicht zu vergessen sind Früh- und Zwangsheirat - trotz Verbot weiterhin weit verbreitet. Durch sie werden die meist minderjährigen Mädchen all ihrer Rechte und Entwicklungsmöglichkeiten im späteren Leben beraubt. 

 

Nimmt die Gewalt an Frauen tendenziell zu oder ab?

Gunda Opfer: Das ist sehr schwer zu sagen, das muss man sehr differenziert, von Land zu Land betrachten. Punktuell sind Erfolge zu verzeichnen, so wurde zum Beispiel in Albanien, auch dank der Kampagnen von Amnesty International, ein Gesetz gegen häusliche Gewalt verabschiedet. Aber grundsätzlich würde ich eher sagen, dass die Gewalt an Frauen in bestimmten Teilen der Welt zugenommen hat. So zum Beispiel in den Ländern des sogenannten arabischen Frühlings. Dort haben ja teilweise islamistische Fundamentalisten Oberhand gewonnen und das Leben ist für Frauen eher schlechter geworden. Das gilt wohl auch für Afghanistan.

 

Frauen werden seit Urzeiten als Menschen zweiter Klasse betrachtet, oft als Besitz des Mannes, über den er verfügen kann. Es ist sehr, sehr schwer, das aus den Köpfen der Männer herauszubringen. Einen Mentalitätswandel, eine Bewusstseinsänderung einzuläuten, ist ein langwieriger Prozess.

 

Auf welcher Grundlage kann man dem Phänomen Einhalt gebieten?

Gunda Opfer: Es gibt natürlich viele internationale Abkommen zum Schutz von Frauen, allen voran ist die sogenannte CEDAW zu nennen, die UN-Frauenrechtskonvention, die 1979 beschlossen wurde. Sie will jegliche Form der Diskriminierung von Frauen unterbinden und ist immerhin schon von über 180 Staaten ratifiziert worden. Die Unterzeichnenden haben sich also verpflichtet, diese Konvention umzusetzen, aber in der Realität mangelt es in den Regierungen eben immer noch oft an dem dafür notwendigen Willen. Denn uralte Traditionen stehen dem entgegen. Frauen werden seit Urzeiten als Menschen zweiter Klasse betrachtet, oft als Besitz des Mannes, über den er verfügen kann. Es ist sehr, sehr schwer, das aus den Köpfen der Männer herauszubringen. Einen Mentalitätswandel, eine Bewusstseinsänderung einzuläuten, ist ein langwieriger Prozess, bei dem Bildung und Erziehung natürlich eine wesentliche Rolle spielen. Auch wir in Europa haben ja eine Entwicklung in dieser Beziehung durchlaufen und stehen dafür heute vergleichsweise sehr gut dar.

 

Sie beschäftigen sich seit 10 Jahren intensiv mit dem Problem der Gewalt an Frauen. Hätten sie das Ohr der Männer dieser Welt, was würden Sie Ihnen sagen?

Gunda Opfer: Männer, rafft euch auf, die Frauen in jeder Beziehung auf Augenhöhe als gleichberechtigte Partnerinnen anzuerkennen und gebt die alte, auf Minderwertigkeit der Frauen basierende Einstellung, die auch in Europa noch nicht ausgerottet ist, endlich auf! 

 

 

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016