Frankreich: Nicht Mädchen, nicht Junge

ARTE Reportage - Samstag, 7. Januar 2017 - 17:00

Länder: Frankreich

Tags: hermaphrodite, Intersexe

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, dann fragen alle als erstes: Mädchen oder Junge? Manche Eltern können darauf keine klare Antwort geben.

 

France, ni fille ni garçon
Frankreich: Nicht Mädchen, nicht Junge Vincent Guillot ist intersexuell und kämpft für die Anerkennung des „dritten Geschlechts“… Frankreich: Nicht Mädchen, nicht Junge

Interview.

 

Interview de Barbara Lohr

 

Weder Mädchen noch Junge, etwas von beidem oder irgendwo dazwischen – das nennt man intersexuell, wenn ein Mensch genetisch und/oder körperlich und hormonell zwischen beiden Geschlechtern steht. Bei der Geburt ist das häufig ein schwerer Schock für die Eltern, vielen fällt es schwer, darauf zu warten und zu vertrauen, dass ihr Kind später einmal selber entscheiden wird, ob es sich männlich, weiblich oder dazwischen fühlt. Juristisch gibt es ein „Zwischen-den-Geschlechtern“ in Frankreich nicht. Dort werden auch deshalb jedes Jahr 2000 intersexuell geborene Kinder chirurgisch „korrigiert“ – zum Jungen oder Mädchen „beschnitten“ – das ist dann irreversibel, ein Leben lang. Vincent Guillot ist intersexuell, seine Eltern entschieden, Vincent soll ein Junge sein. Heute als Erwachsener ist er damit nicht einverstanden, er fühlt sich seelisch zwischen den Geschlechtern, doch körperlich ist er zum Jungen operiert worden. Vincent kämpft für die juristische Anerkennung der Intersexuellen in Frankreich und gegen die Korrektur seiner Natur durch die Ärzte – er fühlt sich als ein Opfer staatlich verordneter Folter.  

 

Von Barbara Lohr, Cécile Thullier, Elsa Kleinschmager, Florence Touly  - ARTE GEIE Frankreich 2016

 

Das Recht, ein Zwitter zu sein

Immerhin 106 Jahre lang nahm das „Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten“ von 1794 die Existenz von Menschen ohne eindeutige Geschlechtszuordnung zur Kenntnis: „§ 19. Wenn Zwitter geboren werden, so bestimmen die Eltern, zu welchem Geschlecht sie erzogen werden sollen. § 20. Jedoch steht einem solchen Menschen, nach zurückgelegtem achtzehntem Jahr, die Wahl frei, zu welchen Geschlecht er sich halten wolle.“

Dieser historisch bemerkenswerte Fortschritt in der juristischen Wahrnehmung menschlicher Vielfalt wurde in Deutschland am 1. Januar 1900 mit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs wieder kassiert. Seitdem musste das Geschlecht des neugeborenen Kindes im Geburtenregister eindeutig benannt werden: männlich oder weiblich. Mit den Fortschritten der modernen Medizin entschieden sich vor allem ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts viele Eltern, ihren Säugling bei zweideutig angelegten Geschlechtsmerkmalen durch eine Operation eindeutig beschneiden zu zu lassen – und ahnten nicht, welche schweren seelischen und körperliche Folgen diese Eingriffe für ihre Kinder haben könnten.

Erst seit dem 1. November 2013 ist es in Deutschland wieder möglich, dass Eltern bei der Geburt ihres Kindes die Rubrik „Geschlecht“ ohne Angabe lassen können. Immerhin nach 113 Jahren ein winziger Fortschritt in Richtung des Preußischen Landrechts, aber noch immer viel zu wenig für die Interessenvertreter der Menschen zwischen den Geschlechtern in Deutschland. Sie kämpfen für ihre juristische und soziale Anerkennung und helfen Eltern, Kindern und Erwachsenen, die davon betroffen sind. Über 100 Jahre lang haben intersexuelle Menschen im Verborgenen leben müssen, es ist höchste Zeit, sie in ihrem Anderssein endlich wieder anzuerkennen. 

Uwe Lothar Müller