El Salvador: Die Maras wollen die Macht

ARTE Reportage - Samstag, 30. Januar 2016 - 17:10

Länder: El Salvador

Tags: Bandenkrieg, Maras

Die "Maras", die kriminellen Banden, versuchen seit einiger Zeit auch in der Politik des Landes mitzumischen.

Salvador : un Etat sous contrôle

 

Im Jahr 2012 schlossen die Regierung und die beiden Banden im Land, die Mara Salvatrucha und die Mara Barrio, einen Waffenstillstand – daraufhin ging die Mordrate um 41 Prozent zurück. Diesen Waffenstillstand allerdings kündigte der neue Präsident Salvador Sanches Cerén auf, als er 2014 ins Amt gewählt wurde: Das war wie ein Aufruf an die Banden zum Morden. Schlimmer noch, die Bandenchefs entwickeln seit einiger Zeit nicht nur Strategien, ihr Geld aus Drogenhandel und Schutzgeld-Erpressung in legalen Geschäften reinzuwaschen – sie infiltrieren inzwischen auch die Politik im Land.    

Nach einer Studie des Ministeriums für Sicherheit arbeiten 600 000, also immerhin 10 Prozent der Menschen in El Salvador direkt für die Mara Salvatrucha und die Mara Barrio. Sie und ihre Familien sind auch potentielle Wähler. Anscheinend gibt es gezielte Anweisungen der Chefs an die Gangmitglieder, bei Wahlen nur eine bestimmte Partei zu wählen.  Manche Gangleader tragen sich offenbar sogar mit dem Gedanken, bis zu den nächsten Wahlen eine eigene Partei zu gründen. Im letzten Jahr etwa streikten die Busfahrer auf Geheiß der Banden, dieser Streik lähmte das ganze Land. Busfahrer haben ohnehin einen gefährlichen Job, regelmäßig werden sie von den Gangs erschossen, sie sind gezwungen, Schutzgeld an die Banden zu zahlen, so wie viele Geschäftsleute auch.

Der Staat antwortet mit Härte, schickt seine Elitetruppen in die Viertel, um die Banden auszuräuchern. Doch die sind viel schlechter bewaffnet und bezahlt als die Gang-Soldaten. Die neue Regierung hat den Maras den Krieg erklärt, aber wer diesen Krieg gewinnen wird, das ist noch ungewiss. 
 

Von Hugo Van Offel, Grégory Roudier und Jacques Santiago Avalos – ARTE GEIE / In Sight Films – Frankreich 2016

Interview

 

Mara o Muerte – Bande oder Tod

Als die Todesschwadronen der Großgrundbesitzer von 1980 bis 1991 die Menschen in El Salvador jagten, folterten und massakrierten, flohen Tausende vor dem Bürgerkrieg in die USA. Viele kamen nach Los Angeles, dort lernten die jungen Südamerikaner die Straßenbanden fürchten. Zur Selbstverteidigung gründeten sie eigene Gangs: Die Mara 18 heißt nach der 18. Straße im Stadtteil Rampart in Los Angeles. „Mara“ steht für Bande, wie die Wander-Ameisen-Art „Marabunta“ – die ist berüchtigt dafür, mit ihren Horden durchs Land zu streifen und alles anzugreifen, was nicht fliehen kann. Die Mara-Banden lernten rasch, sich in den Straßenkämpfen durchzusetzen. Der Justiz in den USA fielen sie schnell auf und als der Krieg in El Salvador 1991 endete und als Asylgrund wegfiel, schoben sie Mitte der neunziger Jahre tausende junge kriminelle Asylbewerber wieder in ihre Heimat ab: „Null-Toleranz“ nannten sie das - später bezeichnete man die Folgen dieser Politik auch als „ungewollte staatlich geförderte Banden-Migration“.

Wie ihre Vorbilder, die Treiberameisen, bemächtigten sich die Maras ihrer alten Heimat: El Salvador ist mit knapp 6,5 Millionen Einwohnern das kleinste aber am dichtesten besiedelte Land in Zentralamerika. Nach dem Bürgerkrieg war es noch ärmer als vorher, der brutale Gegensatz zwischen den wenigen reichen Familien und den vielen armen Menschen schien für alle Ewigkeit zementiert. Das Land lag in Trümmern, tausende waren vom Krieg verstümmelt, 70.000 Menschen tot. Schlimmer sollte es nicht mehr kommen können, doch es kam noch schlimmer: In den 25 Jahren nach dem Bürgerkrieg starben über 100 000 Salvadorianer in den Banden-Kriegen der Maras: Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Menschenhandel, Auftragsmorde.

Sie nennen es „Vida Loca – Verrücktes Leben“: Vor allem Jugendliche aus den ärmsten Verhältnissen steigen ein, aus zerrütteten Familien, mit viel Wut im Bauch auf die Verhältnisse in ihrer Heimat: Die Gang ist für sie wie eine Familie, dort herrscht unbedingter Gehorsam, wer rein will, der muss sich in einem Aufnahmeritual von der Gang erst einmal brutal verprügeln lassen, Tattoos sind ihre Erkennungsmarken. 70 000 Mitglieder sollten allein MS 13 und MS 18 haben – ihnen stehen 24 000 Polizisten und 28 600 private Sicherheitskräfte gegenüber. Der neue Präsident Salvador Sanchez Cerén brach mit der Politik seines Vorgängers, der einen Waffenstillstand mit den Gangs ausgehandelt hatte. Der Oberste Gerichtshof erklärte in seinem Urteil vom 24. August 2015 die MS13 und die MS18 zu Terroristischen Vereinigungen – das gibt der Polizei das Recht zu noch härterer Strafverfolgung. Die musste sich allerdings schon davor Vorwürfe gefallen lassen, sie mache bei ihren Razzien kaum Unterschiede zwischen den Kriminellen und der Zivilbevölkerung.

Seit vielen Jahren fliehen die Menschen wieder in Massen aus ihrer Heimat: „Es ist heute schlimmer als damals im Bürgerkrieg, denn damals wussten viele Leute, wer die Killer waren und wir konnten uns verstecken. Jetzt gibt es für uns keine Verstecke mehr, und wir wissen nicht mehr, wer „die Bösen“ sind“, sagte ein Zeuge der NGO Refugees International; ein Staatsangestellter in der Hauptstadt San Salvador gab zu: “Zu uns kommen Leute ins Büro und wollen Antworten haben und manchmal haben wir eben keine.“ El Salvador heißt auf Spanisch „Der Erretter“ – so einer fehlt den Menschen hier.

Uwe Lothar Müller

 

Quellen: 
● El Salvador Supreme Court Labels Street Gangs as Terrorist Groups (insightcrime.org)
● Information sur la présence et les activités de la Mara Salvatrucha (MS ou MS-13) et du Barrio 18 (Mara 18 ou M-18) au Salvador (irb-cisr.gc.ca)
● Internal displacement in El Salvador (static1.squarespace.com)
● El Salvador: Wie Jugendbanden ein ganzes Land terrorisieren (sueddeutsche.de)