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Ein Jahr Alllianz gegen den IS: Wo stehen wir heute?

Länder: Irak, Syrien

Tags: IS, ISIS, ISIL, Terrorismus, Extremismus

Seit einem Jahr bekämpft eine breite westlich-arabische Allianz die Terroristen des Islamischen Staates (IS). Die Terrormiliz hat weite Teile des Irak und Syriens erobert, verfolgt Minderheiten brutal und verletzt Menschenrechte massiv in den von ihr kontrollierten Gebieten. Nach zwölf Monaten mit 6.000 Luftschlägen und 15.000 getöteten IS-Kämpfer ziehen wir Bilanz und beantworten die wichtigsten Fragen.

Die Luftschläge hätten laut US-Verteidigungsministerium die Fähigkeit des IS eingeschränkt, selbst große Offensiven zu starten. Dadurch seien die Bodentruppen im Kampf gegen die Terrormiliz gestärkt worden. Dies ist die optimistischere Bilanz des Wirkens der seit einem Jahr agierenden westlich-arabischen Allianz gegen die Dschihadisten des Islamischen Staates. Nichtsdestotrotz ist die Terrormiliz noch immer so mächtig, dass kürzlich sogar die CIA in einer neuen Einschätzung meinte, die Kampfkraft des IS habe im vergangene Jahr kaum abgenommen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Allianz gegen den Islamischen Staat.

Peschmerga Kämpfer

Bild: Enno Lenze

 

1. Was ist die Allianz gegen den IS? Wer beteiligt sich an ihr?

Die Allianz wurde bei einem Nato-Treffen im walisischen Newport am 5. September 2014 offiziell ins Leben gerufen. Neben den USA und wichtigen NATO-Ländern wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Polen beteiligten sich von Anfang an auch die Türkei sowie alle Staaten der Europäischen Union. 

Alle beteiligten Staaten haben sich dazu verpflichtet, Maßnahmen gegen den IS zu setzen wie beispielweise bessere Überwachung und Kontrolle von Geldflüssen und Waffenlieferungen, aktiven Einsatz gegen die Anwerbung weiterer Terroristen, sowie logistische und finanzielle Unterstützung im Kampf gegen die Dschihadisten. 

Militärisch aktiv mit Luftschlägen gegen den IS sind allerdings nur einige Länder: Vom westlichen Bündnis die USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Australien, die Niederlande, Dänemark und Bulgarien sowie von den arabischen Staaten Marokko, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Jordanien. 

Eine Sonderrolle spielt die Türkei, die zwar Gründungsmitglied der Allianz war, gleichzeitig aber lange Zeit den IS indirekt unterstützt und die Grenzen für nach Syrien strebende Terrorkämpfer offen gelassen hat. Nach Anschlägen hat sich die Situation nun geändert, seit zwei Wochen bombardiert auch die Türkei IS-Stellungen im Nordirak, aber auch Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK, was zu Verwerfungen mit anderen Mitgliedern der Koalition führte.

 
2. Wer kämpft am Boden gegen den IS?

In Syrien kämpft das Regime von Baschar al-Assad mit der syrischen Armee gegen alle Rebellen, einschließlich denjenigen des IS. Allerdings war es auch das Regime, das zu Beginn des Bürgerkriegs tausende Islamisten aus den Gefängnissen freiließ und damit einer extremistischen Unterwanderung der Rebellenbewegung Vorschub leistete. Weiters kämpfen die verbliebenen moderaten syrischen Rebellen der Freien Syrischen Armee (die in mittelfristiger Zukunft Unterstützung durch eine US-trainierte Gruppe erhalten sollen), sowie im Norden des Landes die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) gegen den Islamischen Staat.

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Zivilisten wurden durch die Luftschläge der internationalen Koalition bisher getötet, schätzt ein Bericht einer NGO in London

Airwars - 03/08/2015

Im Irak kämpft die Regierung unter Premierminister Haider al-Abadi mit der regulären Armee gegen den IS. Die spaltende Politik der schiitisch dominierten Regierung unter Abadis Vorgänger Maliki hat jedoch dafür gesorgt, dass viele sunnitische Iraker sich von der Bagdad verlassen gefühlt dem IS zuwandten. Desorganisation und Versagen der Regierungstruppen leistete ihr Übriges. 

Im Norden des Landes kämpfen die kurdischen Peschmerga der irakischen Autonomen Region Kurdistan gegen den Islamischen Staat – sie werden von vielen als eine der effektivsten Kräfte gegen die Dschihadisten betrachtet (wenn auch nur auf regionaler Ebene). 

 

3. Wie erfolgreich war die Allianz bisher? Wie stark ist der IS noch?

Offizielle des US-Verteidigungsministeriums sprechen von 6.000 erfolgten Luftschlägen, 17.000 Bomben und Raketen und bis zu 15.000 getöteten IS-Kämpfern. Angesichts einer CIA-Gesamtschätzung von 20.000 – 30.000 IS-Kämpfern vor einem Jahr klingt das beinahe schon nach einem Sieg. Neuere Schätzungen gehen aber von einer Stärke des IS zwischen 80.000 und 200.000 Mann aus, was auch die bisherige Widerstandskraft erklären würde.

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Getroffene Ziele, in einem Jahr der Bombardements der internationalen Koalition gegen den Islamischen Staat

Josh Earnest, Pressesprecher von Barack Obama  - 31/07/2015

Nach Einschätzung der CIA ist der IS daher die Kampkraft betreffend kaum schwächer als vor einem Jahr. Was allerdings erreicht wurde ist, dass die Dschihadisten kaum fähig sein werden, sich wie angestrebt als permanenter Quasi-Staat  im Irak und in Syrien zu etablieren. Schwere Verluste, zunehmende internationale Isolation und das Abschneiden von Versorgungsrouten zeigen ihre Wirkung, jedoch nicht so schnell, wie sich das viele im Westen erhofft hatten. 

US-Präsident Barack Obama hat dem stillschweigend bereits Rechnung getragen, indem er den Kongress kürzlich um ein dreijähriges Mandat für den Kampf gegen IS ersuchte. Auch Länder wie Großbritannien und die Niederlande sind dabei, ihre Missionen zu verlängern. 

 

4. Wurden Territorien zurückerobert? 

Strategisch wichtige Punkte wie der Mossul-Staudamm im Irak wurden zurückerobert, darüber hinaus befinden sich laut Koalitionsangaben bis zu zwei Drittel der syrischen Nordgrenze nicht mehr in terroristischer Hand. Im Irak könnten die Dschihadisten wegen permanenter Gefahren von Luftschlägen auf 25-30 Prozent ihres Gebiets nicht mehr frei agieren. 

Insgesamt seien bisher 800 km² vom IS rückerobert worden. Gegenüber einem IS-kontrollierten Territorium von beinahe 300.000 km² - eine Fläche so groß wie Großbritannien - nimmt sich das  jedoch eher bescheiden aus. Wichtiger als das aber seien die nun relativ konsolidierten Positionen der kurdischen Peschmerga im Nordirak sowie der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) im Norden Syriens, die vor einem Jahr noch in schwerer Bedrängnis waren.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass weite sunnitisch bewohnte Gebiete des Iraks und Syriens noch vom IS kontrolliert werden, darunter auch die Städte Mossul, Falludscha, Hit und Ramadi mit Millionen Zivilisten. 

 

5. Wie stehen das offizielle Syrien und der Irak zur Koalition? 

Das Regime von Baschar Al-Assad sieht jedes Bombardement auf syrischem Gebiet als Verstoß gegen die Souveränität des Landes an. Folgerichtig verurteilt das Regime die Luftschläge der Koalition, auch wenn es wenig bis gar nichts gegen sie unternehmen kann. 

Über 100 Staaten erkennen allerdings inzwischen das Regime Assads nicht mehr als offizielle Vertretung des syrischen Volkes an, sondern stattdessen die Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte. Diese begrüßt die Luftschläge, betont allerdings Assads Rolle im Aufstieg von IS und fordert daher auch stärkeren Einsatz gegen die Truppen des Regimes.  

Der Irak unter Haider al-Abadi begrüßt ebenso den Einsatz der Koalition gegen den IS und trägt mit der regulären Armee am Boden (unterstützt durch US-Ausbilder und -Militärberater) zum Kampf gegen die Terroristen bei. Die Führung der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak begrüßt grundsätzlich Luftschläge gegen den IS, verurteilt allerdings die türkischen Bombardements von PKK-Stellungen. 

 

Zuletzt geändert am 6. Juli 2016