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Dr. Oetker reagiert auf ARTE-Doku mit Export-Stopp

Länder: Kenia

Tags: Entwicklungshilfe, Entwicklungspolitik, Dr.Oetker, ARTE

Für die NDR-ARTE Dokumentation "Konzerne als Retter? Das Geschäft mit der Entwicklungshilfe" ist das Produktionsteam um die Journalistin Caroline Nokel in mehrere Entwicklungsländer gereist, um auf Missstände bei der Verteilung von Entwicklungsgeldern aufmerksam zu machen. Der Film lief am 9. Mai auf ARTE und zeigt, wie Großkonzerne dank öffentlicher Entwicklungshilfe Geld machen, ohne dass sich die Situation für die Bedürftigen verbessert. Jetzt reagiert mit Dr. Oetker das erste Unternehmen auf die Vorwürfe aus dem Film und stoppt den Handel mit einem kenianischen Importeur.   

 

Die Firma "European Foods Africa" hatte, unterstützt durch einen Entwicklungsfonds, Produkte von Dr. Oetker nach Kenia importiert und zu überteuerten Preisen auf den Markt gebracht. Das Geschäft mit Dr. Oetker ist nur eines von vielen Beispielen für den Missbrauch von Entwicklungsgeldern. Produzent und Co-Autor Valentin Thurn erklärt im Interview mit ARTE Info, warum die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Geldgebern und privaten Unternehmen in der Entwicklungshilfe bislang nicht fruchtet.

 

ARTE Info: Wie funktioniert das Geschäft mit den Entwicklungsgeldern?

Valentin Thurn: Die öffentliche Hand hat Entwicklungsgelder an private Investoren gegeben in der Hoffnung, dass man so eine größere Wirkung erzielt. Das Prinzip nennt sich Public-Privat-Partnership. Die Idee klingt zunächst vernünftig, denn durch den Einsatz der Privatwirtschaft können sich aus Projekten langfristige Strukturen und Partnerschaften entwickeln. Deswegen ist der kommerzielle Erfolg, den die Investoren anstreben, nicht per se zu verurteilen. Leider steht der wirtschaftliche Profit zu sehr im Fokus.

 

Konzerne als Retter
© Thurn Film

 

Wie äußert sich das konkret?

Valentin Thurn: Die Partnerschaft zwischen öffentlichem Geldgeber und Privatwirtschaft lockt nur Großkonzerne an. Die sind aber keine Wohlfahrtsorganisationen, sondern verfolgen eigene Interessen. Die eigentlichen Ziele der Entwicklungshilfe geraten in Vergessenheit. Armut und Hunger werden überhaupt nicht bekämpft. Mit den Entwicklungsgeldern werden etwa in Kenia riesige Landwirtschaftsmaschinen finanziert, doch die Bauern vor Ort können mit diesen Geräten überhaupt nichts anfangen. Die Unternehmen profitieren von den staatlichen Zuschüssen und können zudem ihre Produkte exportieren.

 

Was hat Dr.Oetker damit zu tun?

Valentin Thurn: Der Fall von Dr. Oetker war einfach die absurdeste Geschichte, die uns begegnet ist. Der französische Entwicklungsfonds Fanisi hat zwei Millionen Dollar in das kenianische Unternehmen "European Foods Africa" investiert. So konnte die Firma expandieren, Pizzen von Dr. Oetker importieren und sie in Kenia für 8,50 Euro verkaufen. Das ist eine Verhöhnung der Entwicklungshilfe: Solche Produkte kann sich nur die Elite leisten. Dr.Oetker hat keine direkten Entwicklungsgelder erhalten und obwohl Kenia kein großer Absatzmarkt ist, sorgt sich das Unternehmen um seinen Ruf. Nachdem der Dokumentarfilm auf ARTE lief, hat Dr.Oetker deshalb die Geschäftsbeziehungen zu European Foods Africa eingestellt.

 

Wir haben die am 9. Mai 2017 auf Arte ausgestrahlte Dokumentation mit dem Titel "Konzerne als Retter? Das Geschäft mit der Entwicklungshilfe" gesehen und waren überrascht, vor welchem Hintergrund unsere Produkte durch die Firma European Foods Africa Ltd. in Kenia vermarktet werden. Mit dem in dem Arte-Beitrag beschriebenen Verkauf unserer Produkte waren wir nicht einverstanden und haben umgehend die Belieferung des Unternehmens mit unseren Produkten eingestellt."

Stellungnahme Dr.Oetker  - 25/08/2017

Hatte sich das irgendwie angedeutet?

Valentin Thurn: Das Team hat mit dem Geschäftsführer von "European Foods Africa" gedreht. Im Anschluss wollte der Entwicklungsfonds Fanisi seine Zustimmung zur Ausstrahlung des Materials verweigern. Deshalb wollte European Foods Africa seine Drehgenehmigung wieder zurückziehen. Doch unser Justiziar kam zum Schluss, dass unsere Arbeit sauber recherchiert ist und die Ausstrahlung von öffentlichem Interesse. Dr.Oetker hat von den Vorgängen wahrscheinlich nichts gewusst.

 

Haben Sie gehofft, dass die Unternehmen nach Ausstrahlung des Dokumentarfilms handeln würden?

Valentin Thurn: Ich habe eher darauf gehofft, dass sich in der Politik etwas bewegt. Dass sich die Verantwortlichen wegducken können und kein Ruck durch die Öffentlichkeit geht, das hat mich überrascht. Kurz vor dem Erstsendetermin hat ARTE in Berlin eine Pressekonferenz organisiert, und wir eine Kinovorführung in Köln. Dazu haben wir sowohl das Entwicklungsministerium eingeladen als auch die GIZ (die bundeseigene Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) und die öffentlichen Entwicklungsbanken. Doch alle sagten ab. In Köln saß zwar ein uns bekannter Mitarbeiter der Deutschen Bank in der Vorführung. Doch nach dem Film hater  das Kino schnell verlassen, bevor die Diskussion begann. Die Beteiligten wollen das Thema offenbar totschweigen und hoffen, dass der Sturm an ihnen vorüberzieht. Ich hätte mir eine öffentliche Debatte gewünscht, zumindest dass der Minister sich zu dem Skandal äußert, immerhin dreht es sich um Steuergelder. Doch selbst als das Politikmagazin Monitor anlässlich des G20-Gipfels über das Thema berichtete, gab es keine Reaktion. Dass Dr.Oetker nun die Geschäftsbeziehungen auflöst, regt die öffentlichen Geldgeber vielleicht zumindest mal zum Nachdenken an. Bisher gab es da noch überhaupt keine Reaktion.

 

Konzerne als Retter
© Thurn Film

 

Kann Entwicklungshilfe unter Einbeziehung privater Unternehmen überhaupt funktionieren?

Valentin Thurn: Schon. Die Idee an sich ist nicht grundsätzlich falsch. Aber man müsste genau überprüfen, dass die Ziele der Entwicklungshilfe – Bekämpfung von Hunger und Armut – auch weiterhin im Mittelpunkt stehen. Einfach Großfarmen zu unterstützen, heißt doch in der Realität, dass den kleinen Bauern Land und Wasser genommen wird. Die Nahrungsmittel, die so erzeugt werden, tragen nicht zur Ernährungssicherheit bei, weil die Bedürftigen sich diese gar nicht leisten können.

Doch was eigentlich nötig wäre, ganz kleinen Mikro-Projekte, die gibt es so gut wie gar nicht. Die Entwicklungsbanken haben Millionensummen, und sie sagen, dass der Verwaltungsaufwand viel zu groß wäre, um mit Kleinbauern oder afrikanischen Kleinunternehmen zusammenzuarbeiten. Aber nur das würde wirklich helfen! Also Mikrokredite, wie sie zum Beispiel von kirchlichen Organisationen vergeben werden. Warum nicht von der Entwicklungshilfe? 

Es gibt ja zahlreiche afrikanische Start-ups. Dort sollte investiert werden, das würde die Vermarktung, Logistik und Versorgung mit Lebensmitteln direkt verbessern. In den Entwicklungsländern gibt es leider hohe Verluste von Lebensmitteln bereits beim Bauern, weil sie ihre Ernte nicht trocknen, kühlen oder lagern können. Da kommt das Produkt gar nicht erst beim Verbraucher an. Genau da könnte man die Entwicklungsgelder gut gebrauchen.

Zuletzt geändert am 30. August 2017