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Drei deutsche Kulissen

Länder: Deutschland

Tags: Angela Merkel

Der Bundestag, die Wagner-Festspiele und der deutsche Fußball: Merkel tanzt auf den drei Bühnen, die in Deutschland als wichtiges Blickfenster dienen. 

Vielleicht kann man sagen, dass die deutsche Kultur sich genau zwischen zwei extremen Polen abspielt: der schweren gut abgehangenen Hochkultur bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth und der dynamisch überhitzten Fankultur in den Fußballstadien. Beide Großveranstaltungen mit sehr deutschen aber sehr unterschiedlichen Zielgruppen werden von alteingesessenen Organisationen veranstaltet, über deren verschworen intrigantes Agieren man genüsslich in der Presse berichtet oder spekuliert: Von Streitereien in der Familie Wagner wird ebenso gerne erzählt wie von Verschwörungen im Deutschen Fußballbund. Beide würden genug Stoff hergeben, um eine spannende Fernsehserie à la House of Cards zu inszenieren. Letztere handelt vom Politikbetrieb in den Vereinigten Staaten – und wir können davon ausgehen, dass der im Deutschen Bundestag nicht weniger Shakespeare’esk abläuft als in der Serie dargestellt. Und so haben wir einen perfekten Dreiklang: Der Bundestag in Berlin, die Festspiele und der Fußball der deutschen Nationalmannschaft stehen vielleicht für die drei großen Kulissen, vor der die deutsche Oper gespielt wird.


Merkel Stammgast bei wichtigen Spielen der Nationalelf

Kanzlerin Angela Merkel hat es im Laufe ihrer Karriere geschafft, vor allen drei Kulissen Teil der Hauptarie zu sein. Im Bundestag ist sie selbstverständlich die zentrale Figur. Ein House of Cards, in dem sich die Machtspielchen rund um den ruhenden Pol Merkel abspielen, wäre gut denkbar. Die Kanzlerin würde sehr unauffällig dargestellt werden, wäre aber in jeder Szene omnipräsent. Egal wie komplex sich die Dinge zu entwickeln scheinen, wir würden immer wieder erstaunt feststellen, dass Merkel die Vielschichtigkeit längst durchschaut hat und sich alles nach ihrem Plan entwickelt.

Im Fußballstadion ist die Kanzlerin bei wichtigen Nationalmannschaftsspielen Stammgast. Was wäre ein Tor der deutschen Elf ohne einen Schnitt auf die Kanzlerin, die ihre Arme mit einer so perfekten Unbeholfenheit hochreißt, dass sie beinahe einstudiert zu sein scheint. Mit ihrem optimal choreografierten Jubel hat Merkel auch hier geschafft, was ihr in der Politik gelungen ist: Selbst wenn sie nicht im Bild ist, ist sie omnipräsent. Bei jedem Pass auf dem Spielfeld, bei jedem vergeigten Torschuss und jedem Foul wissen wir, dass sie gerade mit uns mitfiebert und -leidet.

 

Zurückhaltung im Bundestag, Begeisterung im Stadion

Schließlich Bayreuth. Hier tritt Merkel zurückhaltend auf, schreitet mit reserviertem Lächeln über den roten Teppich. Bei den Opernfestspielen tut sie etwas, was ansonsten ungewöhnlich für sie ist: Sie lässt nicht die kleinen Gesten sondern ihre Kleidung sprechen. Wie niedergeschlagen war die Boulevardpresse, als Merkel 2016 nicht zur Eröffnung der Festspiele erschien! Nichts am Roten-Teppich-Lauf war jemals interessanter, als der Dress der Kanzlerin. Hatte sie sich wieder für eine weite Hose mit weißem Jackett entschieden wie 2010? Würde sie es wirklich wagen, ihr Outfit von 2008 und 2012 NOCH EINMAL zu tragen? Ein Ausschnitt wie 2008 in Oslo würde vermutlich einen größeren Skandal auslösen, als es jeder Bayreuth-Regisseur in einer Parsifal-Inszenierung hinbekommen hätte. Das alles war jedoch nichts zu ihrem Meisterstück, mit dem sich Merkel für immer in die Bayreuth-Boulevard-Chroniken festschrieb: Ein kleiner Schweißfleck auf ihrem Kleid war DAS Diskussionsthema des Sommers.

 

Zurückhaltendes Auftreten im Bundestag, Begeisterung im Stadion, etwas Schweiß auf dem roten Teppich: Angela Merkel wählt stets die richtigen Inszenierungsmittel, um omnipräsent zu sein. Das schafft sie so gut, dass sich ihr Nachfolger – wer immer es auch irgendwann sein mag – wohl noch eine Weile in ihrem Schatten bewegen muss.

 

 

Zuletzt geändert am 6. Dezember 2016