"Die Mauern von Warschau 1943-44"

Länder: Polen

Tags: Les remparts de, Warschau, Die Mauern von Warschau

Am 1. August 2014 begeht Polen den 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands, in dem die jungen polnischen Widerstandskämpfer sich 1944 mit der Waffe in der Hand gegen die deutschen Besatzer auflehnten. Der Dokumentarfilm „Die Mauern von Warschau 1943-44" zeigt die Begegnung von drei jungen Europäern von heute mit Zeitzeugen und Akteuren von damals.

 
Eine Begriffsklärung: der Aufstand im Warschauer Ghetto und der Warschauer Aufstand

Medien und Öffentlichkeit außerhalb von Polen verwechseln den Warschauer Aufstand häufig mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto. Letzterer fand ein Jahr zuvor statt, im Frühjahr 1943, und ist das erste Beispiel für organisierten, bewaffneten Widerstand einer jüdischen Gemeinde gegen die Nazis. 
 
Der Warschauer Aufstand, vom 1. August bis zum 2. Oktober 1944, war dagegen eine Erhebung des bewaffneten polnischen Widerstands, der Armia Krajowa, im Rahmen des Plans der Alliierten zur Befreiung von Polen. Dieser Kampf um Warschau hat die polnische Identität wesentlich mitgeprägt. 70 Jahre nach dem Ereignis besuchen und pflegen die Warschauer nach wie vor spontan und regelmäßig zahllose Stelen, Gräber und Gedenkstätten, die an den Aufstand erinnern. 
 

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Näheres über das Projekt "Bei mir in Europa" finden Sie hier

Um dieser kollektiven Erinnerung persönlich näher zu kommen, treffen sich drei junge Europäer - Maria Zielinska aus Polen, Alexandra Jastrzebska aus Frankreich und der deutsche Künstler Roman Kroke – in Warschau, als Teilnehmer eines Dokumentarfilms von André Bossuroy, mit Originalmusik von Florian Seraul. Es ist bereits ihr dritter gemeinsamer Dokumentarfilm zu historischen Themen, im Rahmen des Bürgerreporter-Projekts "Bei mir in Europa". 2010 hatten sie "Der Konvoi – Das Leben von Etty Hillesum" gedreht, 2012 „Ich bin", eine Rundreise durch Europa auf den Spuren der Verfolgungen des Nazi-Regimes und der Stalin-Diktatur und der verschiedenen Formen der Erinnerungsarbeit.

 

 

 
Krystyna, die Frau, die das Warschauer Ghetto als letzte verließ

„Die Mauern von Warschau" beschreibt die Ereignisse durch die Erzählungen von Zeitzeugen, die im Warschauer Ghetto gelebt oder am Kampf um Warschau teilgenommen haben. Vermittelt werden ihre Berichte von den drei jungen Bürgerreportern, die eine persönliche Beziehung zu den Zeugen aufbauen, um ihnen das oft schmerzliche Eintauchen in die Vergangenheit zu erleichtern. Die Berichte sind erschütternd, wie der von Krystyna: Sie war zu Kriegsbeginn sieben Jahre alt und wohnte in einem Haus im späteren Ghetto. Ihr Vater und ihre sechs Brüder hatten unter dem Keller einen Bunker gegraben, ein Versteck für die gesamte Familie, mit Trinkwasserversorgung, Nahrungsreserven und Radioempfänger. Vier Jahre später war Krystyna die Letzte, die das dem Erdboden gleich gemachte Ghetto lebend verlassen hat.

 

Menschliche Extremsituationen, auf die keiner der Bürgerreporter vorbereitet war

Dora – so ihr Deckname im Widerstand – erlebte die Kämpfe im Sommer 1944 als Krankenschwester. Sie erzählt von widersprüchlichen Situationen, wie an jenem Tag, als ihr Kampfgefährten einen von ihnen angeschossenen Deutschen übergeben und Angst haben, dass er nicht überlebt: menschliche Extremsituationen, in denen Leben und Tod eng bei einander liegen, in denen der Kampf um Würde und Freiheit Fragen aufwirft, auf die keiner der jungen Bürgerreporter vorbereitet war. Eines ist allen Berichten gemeinsam: Es waren die Solidarität, der Mut und der Glaube an den Menschen, die den Betroffenen geholfen haben, durchzuhalten und zu überleben. Das gilt bis hin zur Erzählung von Bogina: Beim Verlassen des Kanalsystems mit ihrer Gruppe von Widerstandskämpfern von Deutschen verhaftet, verdankt sie ihr Überleben einem deutschen Soldaten, den ihr langes, rotes Haar an Heines Lorelei erinnerte…

 

Unterwerft euch nie, leistet Widerstand, doch tut es mit anderen Mitteln: Nie wieder Blutvergießen!

 

Eine Botschaft für die Zukunft: "Nie wieder Blutvergießen!"

Der originelle pädagogische Ansatz des Films besteht darin, dass er persönliche Brücken schlägt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und den Jüngeren die Geschichte dadurch erfahrbarer macht, zu einem Zeitpunkt, wo die Augenzeugen nach und nach verschwinden. Vom Erfolg des Versuchs zeugt die Schluss-Sequenz vom Warschauer Marathon, in der völlig spontan empathische Nähe entsteht zwischen der Kamera der Bürgerreporter, einem kleinen Jungen in Soldatenuniform, der jungen Band, die auf einem Gehsteig spielt, zum Ansporn für die 8.000 Marathonläufer auf dem Pflaster der Altstadt, die vor 70 Jahren Schauplatz blutiger Kämpfe war. Es ist, als atme dieses Pflaster bis heute den Geist der Widerstandskämpfer vom Sommer 44 und ihre Botschaft an die künftigen Generationen: "Unterwerft euch nie, leistet Widerstand, doch tut es mit anderen Mitteln: Nie wieder Blutvergießen!"

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016