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Deutschland drückt die Zigarette aus, Frankreich raucht weiter

Länder: Frankreich, Deutschland

Tags: Zigaretten, E Zigaretten, anti-tabac, Tabagisme

In Frankreich greift die Politik seit Jahren hart gegen Raucher durch – und kann das Volk dennoch nicht von der Gauloise trennen. Jetzt will die Regierung den Preis für Zigaretten massiv erhöhen und Tabak zu einer Art Luxusprodukt machen, das sich die vielen Raucher aus der Unterschicht nicht mehr leisten können. In der Bundesrepublik hingegen rauchen trotz einer recht laxen Gesetzeslage immer weniger Menschen. Welchen Einfluss hat die Politik überhaupt auf den Tabakkonsum und welche Rolle spielt die Gesellschaft? ARTE Info vergleicht das Verhältnis beider Länder zum Tabak in sieben Punkten.

1. Weniger deutsche Raucher - trotz leichtem Zugang

In Deutschland ist der Zugang zu Tabak einfacher als in Frankreich. Am Zigarettenautomat und im Supermarkt ist er problemlos zu kaufen. Zigaretten kosten im Durchschnitt weniger. Außerdem ist Deutschland der einzige EU-Staat neben Bulgarien, der Zigarettenwerbung in einem gewissen Umfang erlaubt (an Litfaßsäulen etwa oder im Kino nach 18 Uhr). Dennoch ist die Raucherquote zurückgegangen.

 

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In Frankreich greifen noch etwa genauso viele Bürger zum Tabak wie zur Jahrtausendwende. Nur die Griechen, die Bulgaren und die Kroaten rauchen mehr. Deutschland liegt im europäischen Mittelfeld. In ganz Europa hören immer mehr Menschen mit dem Rauchen auf. (Quelle: Eurobarometer)

 

 

2. Mehr französische Raucher - doch der Deutsche raucht intensiver

Komplett aufgegeben hat den Tabak in Frankreich eigentlich niemand. Der Raucheranteil ist unverändert hoch.

 

"Durch die Gesetze zum Schutz der Nichtraucher hat Deutschland einen Wandel durchgemacht", erklärt Dr. Ute Mons vom deutschen Krebsforschungszentrum. "Rauchen wird weniger akzeptiert als früher. Gerade Jugendliche rauchen seltener, seit weniger Raucher in Gaststätten und in der Öffentlichkeit präsent sind." Vor allem die mehrfache Erhöhung der Tabakpreise halte die preissensible Jugend vom Tabak fern. Was die Einschränkungen für Raucher betrifft, so ist der Gesundheitsschutz in der Bundesrepublik Ländersache. Die Gesetzgrundlage ist daher nicht immer einheitlich. Zwar ist das Rauchen in öffentlichen Einrichtungen verboten, in der Gastronomie gibt es jedoch oft Ausnahmen.

Frankreich verfügt seit einigen Jahren über strengere Tabakgesetze als die Bundesrepublik. Die Verkaufszahlen und der absolute Konsum sind deshalb insgesamt stark zurückgegangen. Doch komplett aufgegeben hat den Tabak in Frankreich eigentlich niemand. Der Raucheranteil ist unverändert hoch.

 

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Die Deutschen rauchen prozentual gesehen weniger, doch der Verbrauch ist höher. Jeder Deutsche (ob Raucher oder Nichtraucher) konsumiert im Durchschnitt vier Zigaretten am Tag. In Frankreich sind es 2,7 Zigaretten. Die wenigen deutschen Raucher rauchen also mehr als die vielen Raucher in Frankreich. (Quelle: WHO)

 

 

3. Strenge französische Tabakpolitik hält die Jugend nicht vom Rauchen ab

Dabei ist das Rauchen im öffentlichen Raum und in der gesamten Gastronomie untersagt. Jegliche Form der Zigarettenwerbung ist verboten. Wer Tabak kaufen möchte, muss zudem in ein Tabakwarengeschäft gehen. Der Preis für eine Schachtel Zigaretten liegt weit über dem EU-Durchschnitt bei 4,74 Euro. Seit dem 1. Januar ist außer Schockbildern nichts mehr auf den Schachteln zu sehen. Nur der Markenname steht in einem einfachen Schriftzug auf der Packung. Sie wurden per Gesetz neutralisiert, um die Zigaretten unattraktiver zu machen und vor allem junge Raucher vom Tabakkonsum abzuschrecken. Doch bislang blieb der Erfolg aus: Im ersten Quartal 2017 hat der Zigarettenverkauf in Frankreich trotz der Umstellung um 3,6 Prozent zugenommen. Besonders Jugendliche rauchen viel.

 

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Die französische Jugend raucht mehr, obwohl der Zugang zu Tabakwaren schwieriger ist als in Deutschland, wo man die Altersbeschränkung an unbeaufsichtigten Zigarettenautomaten leichter umgehen kann. In beiden Ländern ist das Mindestalter 18 Jahre. Eine Studie zeigt aber, dass in Frankreich 74 % der Tabakwarenhändler Tabak an Minderjährige verkaufen. (Quelle: CNCT/Deutscher Tabakatlas)

 

4. Rauchen ist in Frankreich ein soziales Bedürfnis

Das Rauchen als soziale, fast demokratische Notwendigkeit, stammt aus den Tagen der französischen Revolution. 

Didier Nourisson, französischer Historiker

"Die Präventionsmaßnahmen wirken in der Theorie immer", sagt Monz. "Doch egal welches Gesetz die Politik verabschiedet, es gibt immer kulturelle Hintergründe. In Frankreich hat man den Eindruck, dass das Rauchen kulturell verankert ist."  

Zu diesem Schluss kommt auch der französische Historiker Didier Nourrisson. Der Autor des Buchs Cigarette, histoire d'une allumeuse (auf Deutsch: Zigarette, die Geschichte einer Anmacherin), führt gesellschaftliche Gründe für den Tabakkonsum auf. Erst seit dem 19. Jahrhundert habe das Volk wirklich Zugang zu Tabakwaren gehabt, während in Deutschland schon seit Jahrhunderten geraucht wurde. "Bis heute ist das Rauchen eine soziale, fast demokratische Notwendigkeit. Dieses Bedürfnis stammt aus den Tagen der französischen Revolution, als sich die Franzosen nicht nur Zugang zu Macht, sondern auch zu Tabak verschafft haben. Das steckt noch heute in den Köpfen der Menschen. Es ist eine Art kulturelles Erbe, das die Gesellschaft unterbewusst an nachfolgende Generationen weiterträgt", so Nourrisson. Dies könne auch keine harte Gesetzgebung unterbinden. 

Dass die Bevölkerung die strenge Anti-Tabakpolitik ohne Widerstand hingenommen hat und Raucher heute willentlich ausgeschlossen werden, überrascht ihn ein wenig. "Das ist ein großer Widerspruch. Auf der einen Seite wollen die Franzosen rauchen und das Leben mit all seinen Risiken genießen. Das ist akzeptiert. Gleichzeitig hat die Gesellschaft es toleriert, dass Raucher stigmatisiert werden und Gaststätten für ihren Konsum verlassen müssen." Eine verpasste Chance sieht Nourrisson in der elektronischen Zigarette. Sie hätte das Raucherbedürfnis stillen können und gleichzeitig das Bild des Rauchers aufpolieren können. 

 

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Die elektronische Zigarette ist in keinem der beiden Länder ein Ersatz zum Tabak. Vor allem Raucher wollen durch die e-Zigarette den Konsum reduzieren, jedoch meist ohne Erfolg. Für Nicht-Raucher ist sie unattraktiv. Sie ist daher kaum eine Einstiegsdroge.

 

 

5. Frankreich will den hohen Tabakpreis noch einmal anheben

Welche Möglichkeiten hat die Politik also, um den Tabakkonsum dauerhaft einzudämmen? Die französische Regierung will zu noch härteren Maßnahmen greifen und den Preis für eine Schachtel Zigaretten auf zehn Euro anheben. Nur in Irland und in Großbritannien wäre der Tabak dann teurer, dort ging die Anzahl an Rauchern in den vergangenen Jahren stark zurück.

 

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Der Preis für eine Schachtel Zigaretten liegt in beiden Ländern über dem EU-Durchschnitt von 4,76 Euro. Noch im Jahr 2000 kostete in Frankreich eine Schachtel Zigaretten 3,20 Euro. Seitdem ist der Preis durch Steuererhöhungen gestiegen. Auch in Deutschland gab es eine solche Entwicklung. (Quelle: KPMG)

 

 

6. Vor allem Geringverdiener könnten sich Tabak nicht mehr leisten

Der soziale Status beeinflusst den Konsum stark. Je höher Bildung und Einkommen, desto weniger greift man zu Tabak.

 

In Frankreich wurden die Tabakpreise in den vergangenen Jahren mehrmals angezogen, wenn auch nie so drastisch wie jetzt. "Als die Gauloise Anfang der 2000er-Jahren plötzlich teurer wurde, gab es einen riesigen Aufschrei", erinnert sich Nourrisson. Aufgegeben haben die Franzosen das Rauchen dennoch nicht. Studien belegen, dass höhere Tabakpreise insbesondere Bürger mit geringem Einkommen treffen würden. Sie machen den Großteil der Raucher aus.

 

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Der soziale Status beeinflusst den Konsum stark. Je höher Bildung und Einkommen, desto weniger greift man zu Tabak. Am häufigsten rauchen Arbeitslose. Unter den deutschen Berufstätigen liegen bei Männern Möbelpacker und bei Frauen Krankenpflegerinnen vorne. Am seltensten rauchen Hochschullehrer und Apothekerinnen. (Quelle: Tabakatlas

 

 

7. Frankreich hat ein Schwarzmarktproblem

Durch die Preiserhöhung könnten sich Geringverdiener allerdings intensiver auf dem Schwarzmarkt umschauen. Das Schmuggelgeschäft ist ein internationales, grenzüberschreitendes Problem, das ein Land alleine kaum bekämpfen kann. Der illegale Handel mit Tabak ist risikoarm, wie Ute Monz bestätigt: "In Osteuropa bauen Schmuggler eine Fabrik und bringen vier Wochen lang illegale Zigaretten in Umlauf. Bevor sie die Fabrik aufgespürt haben, haben die Schmuggler sie wieder abmontiert und woanders aufgebaut.“

 

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Kritiker befürchten, ein hoher Tabakpreis könnte den Schwarzmarkt stärken. Schon jetzt blüht er nirgendwo in Europa so wie in Frankreich, wo er 15 Prozent des Konsums ausmacht. Die illegalen Zigaretten stammen meist aus Algerien. Die Tabakhändler werfen dem Staat vor, ihr Geschäft zu zerstören, indem sie den Schwarzmarkt schonen. In Deutschland ist der kriminelle Handel geschrumpft. Eine von 20 Zigaretten ist illegaler Herkunft. (Quelle: KPMG

Deshalb arbeiten die EU-Mitgliedsstaaten an einer gemeinsamen Strategie. Zigarettenpackungen könnten etwa mit einem Code versehen werden, um sie zu tracken. Noch gibt es keine konkreten Maßnahmen. Der Staat verliert durch den Handel nicht zu unterschätzende Steuereinnahmen. 

Ob die Ankündigung der französischen Regierung tatsächlich Früchte trägt und endlich weniger Franzosen rauchen, darf also bezweifelt werden. Der Vergleich mit Deutschland zeigt, dass die Politik auf den Konsum einwirken kann. Doch vor allem darf die Gesellschaft das Rauchen nicht tolerieren. Und in Frankreich ist die Gauloise wohl bis heute noch in weiten Teilen akzeptiert.     

 

Zuletzt geändert am 29. August 2017