Brasilien: Rio Doce oder der rote Tod

ARTE Reportage - Samstag, 1. Oktober 2016 - 17:05

Länder: Brasilien

Tags: Rio Doce, Umweltkatastrophe

Am 5. November 2015 brachen die Dämme von zwei Rückhaltebecken einer Eisenerz-Mine: 32 Millionen Kubikmeter roter Giftschlamm strömten ins Tal und in den Rio Doce. 

Rio Dolce, fleuve à l'agonie
Brasilien: Rio Doce oder der rote Tod Der Rio Doce, fünftgrößter Fluss im Südwesten Brasiliens ist heute tot, erstickt vom giftigen Schlamm…  Brasilien: Rio Doce oder der rote Tod

Es war die bis dahin größte Umweltkatastrophe in Brasilien. Die Schlammlawine wälzte das Dorf Bento Rodrigues nieder, 19 Menschen starben. Dann ergoss sie sich in den Rio Doce, fünftgrößter Fluss Brasiliens und bis dahin ökologisch intakt und artenreich. Im Fluss starb alles Leben auf einer Länge von 650 Kilometern, bis hin zur Mündung ins Meer. Die Einwohner von Bento Rodrigues mussten ihr im Schlamm versunkenes Dorf verlassen, heute leben sie in einer nahe gelegenen Stadt, jeden Monat überweist ihnen der für das Unglück verantwortliche Konzern Samarco 250 Euro – eine magere Entschädigung für die, die alles verloren haben, Haus, Heimat und Arbeit.  

An der Mündung des Rio Doce ins Meer liegt der kleine Badeort Regência, einst ein kleines Paradies für Surfer und Touristen, heute wie verwaist: Das Meer ist verseucht von der giftigen Schlammflut, die Fischerei verboten, die Leute hier, Fischer und kleine Hoteliers, sind arbeitslos. Samarco gehört zum brasilianischen Multi Vale und dem australischen Multi BHP Billiton – sie wollen 6 Milliarden Euro an Entschädigung an die Opfer der Katastrophe zahlen. Doch die Opfer fürchten, dass sie davon nicht viel sehen werden, angesichts der Korruption im Land und der wirtschaftlich äußerst angespannten Lage.

 

von Melissa Monteiro, Jérôme Da Silva, Vincent Cascione von Franck Nosal - ARTE GEIE / Melting Pot – Frankreich 2016

 

Interview
Das wird ein harter Kampf – vor Gericht und draußen…

Eine gute Nachricht für die Umweltschützer der Welt: Der Internationale Strafgerichtshof gab am 15. September 2016 bekannt, er werde künftig neben seiner Arbeit, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verfolgen, auch verstärkt Ermittlungen in Sachen Verbrechen gegen die Umwelt führen – wenn es sich dabei nach Einschätzung des Gerichts „um die unzulässige Ausbeutung natürlicher Ressourcen“ handelt.

In Brasilien ist es Sache der nationalen Gerichte, die Verantwortlichen der Umweltkatastrophe am Rio Doce zur Rechenschaft zu ziehen. Das neue Mandat des Internationalen Gerichtshofs könnte eines Tages aber noch interessant werden, für die Opfer des Dammbruchs in Brasilien. Denn die Ermittlungen zur Erstellung einer Anklageschrift ziehen sich dort zurzeit ungebührlich lange hin. Die Regierung hatte mit dem für den Staudamm verantwortlichen Konzern Samarco Anfang 2016 vereinbart, dass der umgerechnet 6 Milliarden Euro für die Reparatur der Schäden bereitstellen solle.   Das sei viel zu wenig, urteilte der Oberste Gerichtshof in Brasilien und forderte stattdessen umgerechnet 43 Milliarden Euro als erste Zahlung zur Beseitigung der Schäden. Der Konzern Samarco legte sofort Widerspruch ein gegen diese Summe.

In seinem Jahresbericht 2015/2016 schreibt der Konzernmulti BHP Billiton, mit dem Konzern Vale einer der Co-Aktionäre von Samarco: Trotz der gerade laufenden Arbeiten zur Stabilisierung des Dammes bestünde immer noch die Gefahr, dass in der kommenden Regenzeit wieder Klärschlamm der Mine austreten könne, mit der eventuellen Folge neuer Anzeigen, Bußgelder und Prozesse sowie auch neuer Umweltschäden.     

Der Kampf um die Ermittlung der Schuldigen und das Geld zur Entschädigung der Opfer sowie die Wiedergutmachung der Schäden, ist in Brasilien schon besonders heikel aufgrund der grassierenden Korruption im Land. Hinzu kommt: Wer dort für Natur und Umwelt kämpft, der riskiert sein Leben. Brasilien ist weltweit das gefährlichste Land für Umweltaktivisten. Von den 185 im vergangenen Jahr in der Welt getöteten Kämpfern für Natur und Umweltschutz starben allein 50 in Brasilien.  Keiner von ihnen wurde im Zusammenhang mit der Zerstörung des Rio Doce getötet, aber die Zahl der Opfer in vielen anderen Fällen  verdeutlicht die Gefahr für die Aktivisten in Brasilien.

 

Karte: Zahl der getöteten Aktivisten für Umwelt- und Naturschutz

Zuletzt geändert am 30. September 2016