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Bombenterror in Bangkok

Länder: Thailand

Tags: Bombenanschlag, Bangkok

Nach zwei aufeinanderfolgenden Anschlägen, eines mit 20 Toten und über 100 Verletzten, sucht Thailand fieberhaft nach den Verantwortlichen für den Bombenterror. Ein "Netzwerk" soll laut neuen Polizeiangaben hinter den Attentaten stecken. Gleichzeitig wird nach einem Verdächtigen gefahndet, der auf dem Video einer Überwachungskamera zu sehen war. 

Zwei Tage nach dem blutigen Anschlag auf den bei Touristen beliebten Erawan-Tempel und ein Tag nach einem weiteren Bombenattentat ohne Opfer läuft die Suche nach den Tätern und Hintergründen nun auf Hochtouren. Laut neuen Polizeiangaben soll ein ganzes "Netzwerk" hinter der Attentaten stecken. Weiters fahndet die Polizei nach einem Verdächtigen, der auf einem Überwachungsvideo zu sehen war. Eine Belohnung von einer Million Baht (25.000 Euro) ist für Hinweise zu seiner Ergreifung ausgesetzt.  

Verdächtiger Bangkok-Attentate

Der Anschlag von Montag sei "der schlimmste Angriff" in der Geschichte des Landes, sagte Prayut Chan-o-cha, amtierender Premierminister Thailands. Seit einem Staatsstreich am 22. Mai 2014 regiert eine Militärjunta, die sich als "Nationaler Rat zur Erhaltung des Friedens" bezeichnet, das südostasiatische Land. Prayut wurde am 21. August 2014 von der Militärführung zum Premierminister bestimmt. Knapp ein Jahr später erschüttern nun Bombenanschläge gerade den Frieden und die Stabilität, die das Militär durch den Staatsstreich sichern wollte.

"Die Bombe das Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten", gab Polizeisprecher Prawut Thavornsiri an. Auch der Ort, der vor allem bei Touristen aus Ostasien beliebte Erawan-Schrein sowie der Zeitpunkt, früher Montagabend, waren vermutlich kein Zufall. Das thailändische Verteidigungsministerium spricht offen aus, dass "Ausländer" das Ziel der Attentate gewesen seien. Die Terroristen wollten der thailändischen Tourismusbranche schaden, einer der wenigen Wirtschaftszweige, der seit den Unruhen und der politischen Krisen 2013/14 noch florierte. 

Wir haben mit der Expertin Sophie Boisseau du Rocher gesprochen. 

Sophie Boisseau du Rocher
Sophie Boisseau du Rocher
"Ein traumatisierendes Attentat für die thailändische Bevölkerung."
ARTE Info hat mit Sophie Boisseau du Rocher, Forscherin am französischen Institut für internationale Beziehungen (IFRI), gesprochen, um die Ereignisse in Bangkok besser einordnen zu können.

 

ARTE Info: Nach dem gestrigen Attentat brachten die Behörden rasch die Rothemden ins Spiel. Was soll man davon halten?

Sophie Boisseau du Rocher: Ich denke, dass wir vorsichtig bleiben müssen. Zum jetztigen Zeitpunkt gibt es kein Bekennerschreiben. Außerdem sind die Indizien der Polizei lückenhaft, um bereits erste Schlüsse zu veröffentlichen. Natürlich, die Opposition rutscht in den Kreis der Verdächtigen, aber genauso andere Akteure.

 

Sie denken an islamistische Kräfte?

Sophie Boisseau du Rocher: Namentlich islamistische Bewegungen, genau. Aber es gibt auch Gruppen innerhalb der Armee, die offene Rechnungen haben mit der Regierung von General Prayuth.

 

Muss man nun für Thailand eine Verstärkung der militärischen Umklammerung befürchten?

Sophie Boisseau du Rocher: Sicherlich, denn der Mangel an präventiven Sicherheitsvorkehrungen ist offenkundig und nun resultiert für die thailändische Gesellschaft ein traumatisierendes Attentat. Es ist das erste Mal, dass ein Attentat so viele Tote fordert und einen solchen Schock erzeugt. Ich glaube man muß realistisch sein und sehen, dass ein solches Attentat insbesondere dem Militär als Rechtfertigung dient, die Schraube anzuziehen.

 

Ein Journalist vor Ort sagte uns, dass die Leute zu Hause bleiben, weil sie eine neue Gewaltspirale befürchten?

Sophie Boisseau du Rocher: Ich denke, das ist das Besorgniserregendste. In den letzten Wochen hat es recht starke politische Spannungen zwischen der Junta und der politischen Opposition des Clans Shinawatra gegeben. Einigen ihrer Abgeordneten wurde sogar die politische Betätigung verboten. Der ehemalige Premierminister hat seine Unterstützer aufgerufen, im Referendum gegen die neue Verfassung zu stimmen, da er diese für zu wenig demokratisch hält. Da baut sich eine Verschärfung von latenten Spannungen auf. Zudem ist dies ein Beschwerdepunkt, den man gegen die seit fünfzehn Monaten regierende Junta vorbringen kann. Immerhin hatte sie versprochen, die Probleme von Grund auf zu regeln und wieder besser zu kommunizieren. Nun kann man aber bloß eine besonders autoritäre Politik gegen Oppositionelle feststellen. 

 

Stimmt es, dass die Gewalt bisher noch nie erreichte Ausmaße angenommen hat?   

Sophie Boisseau du Rocher: Ganz sicher. Es geht übrigens sogar so weit, dass der ehemalige Premierminister Thaksin sich nicht mehr scheut, explizit davon abzuraten, im Referendum abzustimmen. Als Vergeltungsmaßnahme hat die Polizei entschlossen, Thaksin seinen Rang als Offizier in der königlichen thailändischen Polizei abzuerkennen. Eine symbolische Maßnahme, die aber die aktuellen Spannungen klar zum Ausdruck bringt. 

 

Müssen Touristen in Bangkok nun besonders auf der Hut sein ?

Sophie Boisseau du Rocher: Das Problem ist, dass man nicht weiß, wie weit diese neue Phase der Gewalt gehen wird. Doch wo die Touristen vorsichtig sein sollten, ist bei großen Menschenansammlungen, vor allem bei besonders exponierten Orten wie zum Beispiel bei der Kreuzung von Ratchaprasong, die für die Hauptstadt eine wichtige symbolische Bedeutung hat und wo sowohl Thailänder hingehen, die den Tempel von Erawan besuchen, als auch Touristen, die in den angrenzenden Geschäften einkaufen gehen. Ich würde sagen, diese ganz exponierten Orte sollte man meiden. 

 

Hintergründe zu den Anschlägen in Thailand...
Vor allem die thailändischen Bauern leiden seit einiger Zeit unter einer hartnäckigen Dürre, aufgrund derer die diesjährige Reisernte um bis zu ein Fünftel einbrechen könnte. Fallende Preise für Agrarrohstoffe und Überschuldung verschlimmern die Lage weiter. Laut neueren Erkenntnissen soll die Spur der Ermittler nun tatsächlich in den agrarisch geprägten Nordosten des Landes führen, wo zudem auch die Rothemden, die Unterstützer des früheren und nun abgesetzten Regierungschefs Thaksin Shinawatra, stark sind.

 

"Die Menschen sind still, angespannt und verlassen nur für das Nötigste ihre Häuser"

Die französische Journalistin Charlie Lond lebt und arbeitet in Bangkok. Für ARTE Info beschreibt sie aufgrund von fünf Bildern die Stimmung nach den Anschlägen vom 17. und 18. August.

 

 

 

Zuletzt geändert am 29. November 2016