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Alltag in Thailand, ein Jahr nach dem Putsch

Länder: Thailand

Tags: Bangkok, Militärputsch, Militärregime

Thailand ist eines der am meisten entwickelten Länder der Region in Südostasien. Bangkok, die Hauptstadt, eine ultramoderne Metropole; jedes Jahr finden 25 Millionen Touristen den Weg ins Land. Für den ausländischen Besucher hat sich auf den ersten Blick nach dem Staatsstreich gar nicht viel geändert. Der lange Arm der Diktatur agiert zumeist im Verborgenen. Man muss schon ganz genau hinschauen, hinter die Fassaden der Wolkenkratzer, um die Subtilitäten der thailändischen Gegenwart in all ihren Facetten zu verstehen.

Am 22. Mai 2014 kam es in Thailand zum zwölften Putsch der Militärs seit der Aufhebung der absoluten Monarchie 1932. Vorausgegangen waren wochenlange Strassenproteste gegen Regierungschefin Yingluck Shinawatra, personifiziert im Streit der sogenannten „Rothemden“ und „Gelbhemden“. Die Premierministerin wurde - wie vor ihr bereits ihr Bruder Thaksin im Jahr 2006 – ein Opfer des Vorwurfs von Korruption und Amtsmissbrauch. Thailand ist seit dem Jahr 2001 tief gespalten. Damals hatte  der Telekommunikations-Magnat Thaksin Shinawatra die armen Massen mit populären Kleinkrediten mobilisiert und die Wahlen gewonnen. Zum Entsetzen der urbanen Eliten, die bis dahin die Politik des Landes weitgehend bestimmt hatten. Seither wechseln sich in Thailand pro und anti-Shinawatra-Regierungen ab.

In Thailand kann man heute alles haben, jederzeit, vorausgesetzt, man kann es bezahlen. Geld regiert auch hier die Welt. Das ist umso erstaunlicher, wenn man weiss, dass die Militärs als Hauptargument für ihr Eingreifen und den letzten Putsch den allgemeinen „Laxismus“ angegeben haben, der sich angeblich der Bevölkerung bemächtigt hatte. Doch, wie schon in den 80er Jahren, wird das tägliche Leben von den neuen Machthabern weitgehend ausgespart. Zwar hat man ein paar illegale Spielhöllen ausgehoben und Razzien gegen illegale Arbeitgeber durchgeführt – im Grossen und Ganzen aber sind die Vetternwirtschaft und die Korruption, weitere offizielle Hauptgründe für die Machtübernahme des Militärs, seit dem Putsch nicht wirklich beseitigt worden.

Im Folgenden lesen Sie eine Chronik der vermeintlichen Alltagsruhe Thailands, in der aber tatsächlich die Angst einen wirklichen demokratischen Prozess ersetzt hat


Mai 2014 : On Nut, Bangkok

On Nut, der Bezirk im Südosten von Bangkok, gilt immer noch als Armenviertel, trotz des allgegenwärtigen Baubooms. Die Behausungen aus Wellblech und Plastikbahnen werden zumeist von Motorrad-Taxi-Fahrern, Strassenverkäufern, Prostituierten und Tagelöhnern bewohnt. Die meisten hier unterstützen die „Rothemden“. Die Bewohner hier stammen aus den armen Bevölkerungsschichten, besonders aus dem Norden des Landes. Sie gelten traditionell als Unterstützer des Shinawatra-Clans. Unter der Hauspforte zum einen ein Altar, der die ganze Nacht mit Kerzen erleuchtet wird zum Ruhm der Gottheiten - und dieses Graffiti : Rote Zone. Der einzige Akt des Widerstands gegen die neuen Machthaber.

Denn von einem Tag auf den anderen hat das Leben in diesem Viertel aufgehört zu existieren. Wo früher grosses Hallo herrschte, mit Verkäufern von gegrillten Insekten, wo Jugendliche sich in Telefonzellen zusammenballten, wo auf der Strasse Hahnenkämpfe veranstaltet wurden, herrscht nun die Stille. Nur noch ein  Mann traut sich, den Fernseher bis drei Uhr morgens laufen zu lassen. Ein Anhänger der neuen Machthaber, der „Gelbhemden“ (Gelb ist die Farbe des Königs und derjenigen, die den Putsch unterstützt haben, der mittelständischen und urbanen Oberschichten).

In den Monaten direkt nach dem Putsch haben die Militärs mehr als tausend Personen festgenommen: Intellektuelle, Politiker und Blogger. Sie wurden in „Umerziehungscamps“ zurück auf den rechten Weg gebracht.

 

Die anderen halten sich zurück, aus Angst vor den Militärs. Nok ist um die 50 Jahre alt, sie verkauft heute in ihrem Tante-Emma-Laden Getränkedosen und andere Waren, ab Mitternacht, durch ein Gitterfenster. Jahrelang hatte sie die Kunden eintreten lassen, man sah zusammen ihren „Rotfunk“ und diskutierte über Politik. Das ist vorbei.
Alle Oppositionsmedien hat die Junta sofort schliessen lassen. Nun laufen nur noch von ihr genehmigte Sendungen im Fernsehen. Der König, Bhumipol Adulyadej, der am längsten amtierende Monarch der Welt, hat den Putsch legitimiert. Auf seinen Segen verlässt sich nun auch das Militär in einem Land, das den König noch immer verehrt. Der neue Machthaber, General Prayuth, hat seine eigene Fernsehsendung. Sie wird einmal pro Woche auf allen Kanälen gezeigt. Der Titel: "Dem Volk das Glück zurück bringen", so benannt nach einem Lied, das der General selbst komponiert hat

Auch vor Propagandafilmchen mit Adolf Hitler schreckt man hier nicht zurück. Die Gehirnwäsche geht in der Schule bereits los: jeden Morgen rezitieren die Kinder die 12 Maximen, die die thailändische Identität ausmachen sollen: unter anderem „Liebe zur Nation, Religion und Monarchie“, „alte Sitten und Traditionen bewahren“  genauso wie „Disziplin und Respekt vor den Alten“

Und das in einem Land, deren Jugend im Durchschnitt zwei Facebook-Konten besitzt. Um die Maximen populär zu machen, kann man sie immerhin auf USB-Stick bekommen. Und natürlich wurde mittlerweile jeder Hinweis auf Shinawatra und den Clan sorgsam aus den Schulbüchern entfernt.

Auch die Universitäten sind nicht verschont geblieben: politische Aktivitäten der Studenten sind jetzt ungern gesehen, auch alle Hinweise auf die Studenten-Unruhen 1974 bis 76 wurden entfernt. In den Monaten direkt nach dem Putsch haben die Militärs mehr als tausend Personen festgenommen: Intellektuelle, Politiker und Blogger. Sie wurden in „Umerziehungscamps“ zurück auf den rechten Weg gebracht. Amnesty International beklagt, dass es dabei auch zu Folter gekommen sein soll. Wer dem neuen Regime missfällt, dessen Bankkonten werden auch schon mal eingefroren, um unliebsame Aktivitäten zu verhindern.

Juillet 2014 : Happiness Festival, Ratchaprashong, Bangkok

Sofort nach dem Putsch hat die Militär-Junta viel Geld in die Hand genommen: 4,3 Milliarden Dollar, die sie an die Polizei, die Bauern und die Opfer von Hochwassern verteilt. Dabei noch gar nicht eingerechnet sind Ausgaben für politische Propaganda-Veranstaltungen, wie das Happiness Festival. 

Bei der von oben gesteuerten Sause gab es Stände mit T-Shirts zu sehen, auf denen die Junta ihre Parolen verbreitete, für das leibliche Wohl wurde mit französischen Süsspeisen gesorgt. Im Gegenzug sollen die Besucher der Welt über Facebook, Instagram und twitter kundtun, wie gut es ihnen unter den neuen Machthabern doch geht. 
Auch ein Stand des Reiseführers „lonely planet“ mit einem riesigen blauen Elefanten durfte nicht fehlen. Thailand erzielt 10 Prozent des BIP durch den Tourismus. Nach dem Putsch gingen die Zahlen in den Keller. Nun will man die ausländischen Besucher mit solchen Bildern wieder locken.

Doch damit der Freude nicht genug: an diesem Tag durfte auch die Wahl der Miss Thailand nicht fehlen, mit der sich anschliessend führende Generäle vor den Kameras und Fotoapparaten der offiziellen Medien-Schaffenden  schmückten. Kohorten thailändischer Köche versorgen das Wahlvolk mit dem Nationalgericht, Prinzessinen mit Fahrädern sorgen für Heiterkeit in der Runde, während das unvermeidliche sound system alle beschallte.

Gleichzeitig ist es in Thailand mittlerweile streng verboten, mit Journalisten zu sprechen, das Buch « 1984 » von Georges Orwell zu lesen oder sich innerhalb einer Gruppe mit mehr als 5 Personen in einer McDonald’s-Filiale zu treffen.

 

Offiziell eröffnet wurde das Fest bei Einbruch der Dunkelheit. Und auch hier hatte man an Mitteln und Aufwand nicht gespart: drei Grossleinwände übertrugen das Spektakel, das von die Menge überfliegenden Dronen live gefilmt wurde, auf der Hauptbühne. Die etwas älteren Herren on stage, Vertreter der Junta, schauten etwas erstaunt, angesichts der erregten Scharen von jugendlichen Tänzern zu ihren Füssen.
Um die Wolkenkratzer herum fuhren unterdessen pausenlos die Züge des Sky Train, und dazu passte dann auch der neue Werbeslogan des US-Vorzeigebraters : "Simple easy enjoyment" (sic). 

Der Ton war jung, locker, hip und sollte suggerieren: "hier haben alle was davon". Doch gleichzeitig ist die Junta rückwärtsgewandt, ein konservativer Haufen, und die Demokratie findet in kleinen, wohldosierten Häppchen statt. Und dieser Widerspruch spiegelte sich auch in den Gesichtern der Masse: viele hielten den Augenblick mit ihren Smartphones fest, aber so richtige Begeisterung wollte doch nicht aufkommen.

Manchmal, wenn diese parallel nebeneinander existierenden Realitäten zusammenprallen, führt das zu absurden Szenen: etwa, wenn halbnackte Mädchen bei Gratiskonzerten für die Jugend auf den Panzern der Militärs tanzen, die diese Konzerte überwachen. Das Volk nimmt mit, was es kriegen kann: Musik, Reis und HIV-Tests, alles gratis. Und nach dem Rausch taumeln alle nach Hause und warten darauf, wie es politisch weiter geht.

Einige Dinge sollte man allerdings vermeiden heutzutage in Thailand. Der Journalist Mong Palatino hat eine Liste zusammengestellt: so ist es absolut verboten, drei Finger einer Hand zu zeigen, eine Geste, wie in der Hollywood-Produktion „Hunger Games“. Die gilt nämlich als Erkennungszeichen der Militär-Gegner. 

Auch das Singen der „Marseillaise“, die Hilfe für Verhaftete, Augen- oder Mundbinden oder das Hochhalten weisser Plakate sind verpönt. Rote T-Shirts oder Kleidung mit politischen Statements - ebenfalls keine gute Idee derzeit im Thailand der Generäle. Wer gar das Konterfei des ehemaligen Premiers hoch hält, der muss mit dem Schlimmsten rechnen. Aber es geht auch viel banaler: sollte das Essen eines belegten Brotes von den Autoritäten als politischer Akt missverstanden werden, kann man auch dafür belangt werden, genauso wie für das Spielen des Video-Spiels Tropico 5. Das hat eine südamerikanische Diktatur als Dekor. Da könnte man ja auf dumme Gedanken kommen.

 

 


September 2014: Koh Tao, Surah Thani-Provinz

Thailand macht erneut Schlagzeilen: nach zwei gewalttätigen Morden an zwei britischen Touristen am Strand von Koh Tao, einem Hotspot für Taucher, zu dem man auch nach der Full Moon Party kommt, einem Fest am Haad Rin, dem Strand einer Nachbarinsel im Golf von Thailand. Die junge Frau wurde mehrmals vergewaltigt, bevor sie starb, und der junge Mann erlitt eine Schädelfraktur. Die Insel wurde jedoch nicht abgesperrt, und die thailändische Polizei erklärte, „nur Ausländer könnten die Tat begangen haben“ – ohne dafür Beweise zu liefern - und wartete mehrere Tage, bevor sie zu ermitteln begann. Ministerpräsident Prayuth erklärte dazu allen Ernstes: "Ausländische Frauen können nicht erwarten, an Thailands Stränden in Sicherheit zu sein, wenn sie im Bikini herumlaufen, außer wenn sie hässlich sind.“

Ausländische Frauen können nicht erwarten, an Thailands Stränden in Sicherheit zu sein, wenn sie im Bikini herumlaufen, außer wenn sie hässlich sind.

Ministerpräsident Prayuth

Die Ermittlungen gehen nur schleppend voran, laut Gerüchten ist ein Sohn eines Gangsterbosses der Insel verantwortlich. Doch dann werden zwei birmanische Einwanderer verhaftet, laut den Behörden wurde ihre DNA-Spuran an der Frau gefunden. Sie gestehen, offenbar unter Folter, wie sie später berichten. Auf die Tat steht in Thailand die Todesstrafe, und so protestieren Menschenrechtsorganisationen, die birmanische Regierung und tausende thailändische Bürger.

Polizeichef Jaktip Chaijinda sagte gegenüber Reuters: "Wegen des internationalen Interesses  haben wir nicht beabsichtigt, irgendwelche Sündenböcke zu verurteilen", womit er implizit zugibt, dass sein Land so verfährt, wenn die Welt nicht hinschaut. 

Auf der Nachbarinsel Koh Samui, die auf dem Touristen-Parcours der Region liegt, ist die Stimmung bei den Kleinunternehmern, die vom Tourismus leben, düster. „Die Proteste, der Militärputsch und diese Morde sind dieses Jahr schwere Rückschläge für uns“, sagt Dara, die Motorroller an Touristen verleiht. „Aber wenn die wahren Schuldigen verurteilt werden, und man den Familien der Opfer Respekt zeigt, und wenn die Touristen das Gefühl haben können, dass Thailand wieder sicher ist, dann wird die nächste Saison besser.“

Der buddhistische Süden war immer royalistisch und konservativ und zeigt noch Vertrauen in die neuen Machthaber. 
Aber die Konkurrenz aus den Nachbarländern, Burma, Kambodscha, Laos, die für westliche Touristen immer mehr in Mode kommen und zugänglich und bequem werden, ist immer stärker. Reiseveranstalter zögern, ihre Kunden in Länder zu schicken, wo das Kriegsrecht herrscht und es zahlreiche ungelösten Morde an Ausländern gibt. Die Junta, die sauberes Vorgehen, Transparenz und Reformen der Polizei versprach, und sich damit an der Macht hielt, wird scharf kritisiert. Das opulente Konto eines Bruders des Ministerpräsidenten und der Skandal im Kommunikationsbereich helfen nicht gegen den Eindurck, dass Korruption der unfehlbare Begleiter des Regimes ist.
 

Januar 2015 : Universität Saint-John, Bangkok

Widerstand regt sich ausgerechnet im Lager der Geeks: denn die haben erkannt, dass in einem neuen geplanten Gesetz, angeblich zur Cybersicherheit, nichts weiter versucht wird, als den Machthabern die absolute Kontrolle und den Zugang zum Internet zu verschaffen. Die Befugnisse der Militärs wären fast unbegrenzt: das neue Gesetz erlaubt die Überwachung von mails und die Beschlagnahmung von Material ohne Gerichtsverfahren, ohne dass eine Instanz der Justiz überhaupt vorher gefragt werden müsste. Alles im Namen der nationalen Sicherheit

Einem Kameramann, der eine unangenehme Frage an ihn richtete, warf der General  eine Bananenschale an den Kopf, mit den Worten: „Das nächste Mal nehme ich die Faust.“

 

Eine reale und psychologische Kontrolle der Bevölkerung. Es geht darum, jede mögliche Protestbewegung im Keim zu ersticken und das Monopol über den Sektor der Telekommunikation zu bekommen. Und nebenbei soll auch die Verbreitung kritischer Meldungen über die Königsfamilie verhindert werden, da die Popularität der Monarchie so langsam auch in Thailand zu bröckeln beginnt. 

Der König ist 87 Jahre alt – und Gerüchten zufolge sehr krank. Am Hof gibt es seit Jahren Ränkespiele, was seine Nachfolge betrifft. Ein Blogger, der es sich erlaubt hatte, über den Gesundheitszustand zu spekulieren, wurde prompt eingesperrt.

Mehr als 25.000 Webseiten  sind in Thailand nicht zugänglich – darunter die von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, der Daily Mail oder von Blogger-Netzwerken. Ist aber auch nicht so schlimm, denn die meisten Bürger mit Internet-Zugang sind eh Angehörige der Oberschicht – und die sind zumeist Anhänger der Militärs.

Der Jura-Professor Jantajira Iammayura von der Universitätt in Thamassat, einer Bastion der Intelligentsia, bleibt dementsprechend gelassen: „Es geht gar nicht so sehr um dieses Gesetz. Wir müssen uns darauf konzentrieren, die zutiefst antidemokratische Tendenz des gesamten Regimes klar kenntlich zu machen. Wenn wir uns mit den Militars auf kleine Gefechte wegen jedes Gesetzes einlassen, dann verlieren wir uns in Einzelheiten. Solange es keine Demokratie gibt, wird auch der Kampf gegen ein Internet-Gesetz nicht erfolgreich sein können.“

Dennoch: 2014 hat die Organisation "Freedom House", die den freien Zugang der Bürger in den Staaten zum Internet überwacht, Thailand die Note 62 gegeben, auf einer Skala von 0 bis 100 (damit liegt das Land noch hinter Myanmar). Und das neue Internet-Gesetz schwächt natürlich die oppositionelle und investigative Presse, wie "Prachatai", eine Webseite, die bereits öfter wegen Beleidigung der Monarchie verurteilt worden ist. General  Prayuth hat ein, sagen wir, schwieriges Verhältnis zu Journalisten. Von denen aus Thailand verlangt er unbedingten Gehorsam. Ausländischen Medien gibt er aus Prinzip kein Interview.

Einem Kameramann, der eine unangenehme Frage an ihn richtete, warf der General  eine Bananenschale an den Kopf, mit den Worten: „Das nächste Mal nehme ich die Faust.“ Bei anderer Gelegenheit erklärte er, Journalisten, die nicht die Wahrheit berichteten, würden demnächst exekutiert. Anlass war eine seit Jahren schwelende Affäre über Sklaverei auf Fischerbooten

 

April 2015 : Region Issan

Im Norden des Landes gärt es. In den ländlichen Regionen ist die Zustimmung für den geschassten Shinawatra-Clan immer noch gross. Die Bauern protestieren seit Monaten gegen ein geplantes Wiederaufforstungsprogramm der Generäle. Unter dem Vorwand, in 10 Jahren die Wälder zu regenerieren, hat das Militär de facto Hunderte Familien von ihren Kautschuk-Plantagen vertrieben und  enteignet

Die Menschen haben über Nacht alles verloren. Wenn sie sich weigern, das Land zu verlassen, werden sie mit dem Tod bedroht. Ausserdem werden sie nun auch noch wegen angeblichen Landraubs vor Gericht gestellt. Vielen raubt das die letzten finanziellen Ressourcen. Nach unabhängigen Schätzungen sind rund 1,2 Millionen Menschen betroffen.

Bei den für die Junta positiven Nachrichten ist die Aufhebung des Kriegsrechts zu nennen. Noch im Februar musste es verlängert werden – nach einem Bombenanschlag auf ein Luxuskaufhaus in Siam Paragon. Offenbar missfiel es einigen kleingeistigen Bürgern, dass sie nicht das nötige Kleingeld haben, bei Louis Vuitton einzukaufen oder sich einen Rolls Royce zu kaufen, dennoch wird im April das Kriegsrecht aufgehoben. Nur im Süden, in den Provinzen, die an der Grenze zu Malaysia liegen, bleibt es in Kraft. Allerdings ist das neue Gesetz, genannt „Sektion 44“, auch nicht viel besser. Es sichert weiterhin den Generälen alle Macht

Dies wiederum beunruhigt Menschenrechtler und auch Vertreter der Wirtschaft. Denn damit rücken auch die geplanten Wahlen in weite Ferne. Eventuell Anfang 2016, vielleicht aber auch erst in drei Jahren. Ein Blogger schreibt, man habe Zeit, immerhin seien die Zugangskarten der Juntamitglieder zum Regierungsgebäude bis 2020 gültig. 
 

 

Mai 2015: Andamansee

Die Krise um die Minderheit Rohingyas  erreicht den Höhepunkt. Die Länder der Region weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Niemand will den Flüchtlingen helfen. Thailand fungiert als Transitland. Von einem Tag auf den anderen schliesst das Militär die Häfen – die Flüchtlinge bleiben auf dem Meer gefangen. Wochenlang, ohne Nahrung und Wasser. Die Entscheidung folgt der Entdeckung von Leichen von Flüchtlingen im Süden. Den Leichen in Massengräbern wurden offenbar Organe entnommen. Ein „Human Rights Watch“-Sprecher macht offen Lokalpolitiker für das verbrecherische Handeln mitverantwortlich.

In der Vergangenheit hat unser Land viele Probleme gehabt, eben weil wir zu demokratisch waren.

 

Die Regierung dementiert sofort jede Beteiligung. In der Flüchtlingskrise selbst hat sie keine Antwort. Die Camps im Westen seien bereits mit Angehörigen der Minderheit überfüllt, die bereits vor 20 Jahren aus Myanmar geflüchtet waren. Schliesslich gibt es einen Krisengipfel der beteiligten Staaten – mit dem Resultat, dass Thailand den Flüchtlingen nun Nahrungsmittel und Trinkwasser auf den Booten zur Verfügung stellt. Sie an Land aufzunehmen, wird weiter abgelehnt.

Noch vor ein paar Jahren galt Thailand als Hoffnungsträger und Beispiel für eine Demokratisierung in der Region Südostasien. Die Regime rund herum, Kambodscha, Laos oder Myanmar  hatten den Schwarzen Peter. Das hat sich nun geändert: der Putsch hat zu nichts geführt. Die Ziele, „Dekadenz und Laxismus“ der Gesellschaft zu bekämpfen, sind nicht erreicht. Im Gegenteil: es wurde ein neues repressives Regime installiert. General Prayuth scheint das nicht zu stören:“ In der Vergangenheit hat unser Land viele Probleme gehabt, weil wir zu demokratisch waren“, sagte er vor zwei Monaten. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016